• Auto

    Wir schaffen das selber!
  • Autoanhänger

    Hilfe zur Selbsthilfe. Oft reicht eine kurze Erklärung.
  • Bausteine

    Spielen ist Lernen und Lernen ist Spielen.
  • Berg

    Ein Balanceakt: Nicht zu viel und nicht zu wenig Hilfestellung.
  • Bibliothek

    Die Gegenstände bekommen Namen. Das macht Lust auf mehr.
  • Bilderbücher

    Guck mal! Sprachhürden spielend überwinden.
  • Bonbons

    Fingerspitzengefühl will trainiert sein.
  • Brei

    Ein Dialog aus Lauten, Wörtern, Hand- und Fussbewegungen.
  • Drehschale

    Spielen und Lernen mit allen Sinnen.
  • Einkaufswagen

    Im Supermarkt helfen alle mit.
  • Feile

    Selber machen! Mit Papa an der Werkbank.
  • Game

    Medienkunde auf der Sofaecke.
  • Gemüse

    Ich bin klein, aber ich kann es!
  • Gespräch

    Zwei die sich verstehen – auch ohne Worte.
  • Guezli

    Materialkunde am Küchentisch.
  • Hände

    Zusammen über Stock und Stein.
  • Holzfrucht

    Kristófs heutiges Forschungsprojekt.
  • Jet

    «Jetzt heben wir ab!»
  • Ketchup

    Widerstände überwinden macht stark.
  • Koffer

    Gemeinsam sollte das zu schaffen sein.
  • Kuchen

    Selber tun. Selber ausprobieren. Selber beobachten.
  • Lied

    In der Muttersprache zu Hause.
  • Loch

    Harte Arbeit, Tipps und Tricks. So wird man Tunnelingenieur.
  • Magnete

    Physikunterricht am Kühlschrank.
  • Pfeilbogen

    Was für ein Triumph, wenn es schliesslich klappt.
  • Pfütze

    Es giesst, es pflascht, es ist nasskalt. Nichts wie raus!
  • Puppen

    Nachspielen, was man selber schon erlebt hat.
  • S-Bahn

    Wie aus dem Nichts entsteht ein lustiges Spiel.
  • Saucenlöffel

    Ein höchst interessantes Untersuchungsobjekt.
  • Schlüssel

    Ein Schlüsselerlebnis fürs Selbstvertrauen.
  • Schnecke

    Geteiltes Interesse ist doppeltes Interesse.
  • Schritte

    Schritt für Schritt voneinander lernen.
  • Socken

    Zeit, Gelegenheit und Geduld. Fertig!
  • Tiere

    Zeig mir wie es geht, dann kann ich es selber ausprobieren.
  • Treppe

    Neulich an der Kletterwand.
  • Velo

    Knatsch im Garten. Jetzt sind gute Ideen gefragt.
  • Wäsche

    Mitwirken in Alltagsdingen macht stolz und zufrieden.
  • Wäsche­klammern

    Fast alles ist neu, wenn man neu auf der Welt ist.
  • Weg

    Kalt? Warm? Feucht? Nass? Klebrig?
  • Znüni

    «Tischlein deck dich» in der Spielgruppe.

Auto

Wir schaffen das selber! Für Erfolgserlebnisse brauchen Kinder entsprechende Gelegenheiten und das Zutrauen der Erwachsenen. Das macht sie stark.
Angela / 3 Jahre 6 Monate Armi / 4 Jahre 2 Monate

Eigene Lösungswege suchen und erproben

Ein Problem ist aufgetaucht: Das Spielzeugauto ist unter der Kommode verschwunden. Die Tagesmutter fragt Armi, ob er es holen könnte, und bittet Angela, Armi das Auto zu zeigen. Sie ermutigt somit die Kinder, diese Herausforderung alleine zu meistern, und traut ihnen zu, dass sie es schaffen können. Doch wie sie ans Ziel kommen, müssen Armi und Angela selbst herausfinden. Sie probieren mit verschiedenen Gegenständen das Auto zu erreichen. Dabei sind sie nicht immer erfolgreich. Die beiden Kinder arbeiten zusammen und jedes nimmt eine andere Rolle ein: Armi holt das Auto und Angela steht ihm mit Tipps zur Seite.

Kinder brauchen Zeit und Gelegenheit, eigene Lösungen zu suchen. Deshalb ist es wichtig, dass die Erwachsenen zuerst eine abwartende und beobachtende Rolle einnehmen, solange die Kinder keine Hilfe einfordern oder mit der Situation überfordert sind. Wenn Kindern keine „fertigen“ Lösungen präsentiert werden, sondern sie selbst auf die Suche gehen müssen und verschiedene Wege ausprobieren können, haben sie die Möglichkeit, aus Fehlern oder falschen Fährten zu lernen. Sie können Selbstwirksamkeit und Erfolgsfreude erleben.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Emotionen im Lernprozess

Armi und Angela nehmen die Herausforderung, das Auto selber hervorzuholen, ehrgeizig und freudig an. Das Überlegen und Ausprobieren, wie es am besten funktioniert, macht ihnen Spass. Und als das Ziel erreicht ist, das Auto wieder da ist, ist die Freude am grössten. Angela rennt sofort zurTagesmutter, um ihr vom Gelingen zu erzählen, und Armi zeigt mit seiner Körpersprache und durch seine Äusserung: „Ich bin so stark!“, wie stolz er auf sich selbst ist. Beide Kinder haben ein Erfolgserlebnis.

Das Lernen von Kindern wird von Gefühlen begleitet. Kinder sind begeisterte Lerner. Ihre Neugierde ist dabei die stärkste Motivation. Sie zeigen Freude, wenn sie etwas ausprobieren, erkunden und erfragen können und dabei möglichst wenig unterbrochen werden. Wenn Kinder dann Erfolg beim Lernen erfahren, werden diese Erlebnisse von Glücksgefühlen begleitet. Dies ist die beste Ausgangslage, um sich erneut motiviert und selbstbewusst neuen Herausforderungen zu stellen. Jedoch nicht alles, was Kinder in Angriff nehmen, gelingt ihnen auch. Dann braucht es viel Standhalten, um dennoch zum Erfolg zukommen. Bei (wiederkehrendem) Misserfolg erlebt das Kind dagegen Frustration. Erlebt ein Kind in einer Situation negative Gefühle, wie z.B. Schmerz oder Angst, so wird es zukünftig solche Situationen eher zu meiden versuchen und sie mit schlechten Erinnerungen in Verbindung setzen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.).

Respektvolle Botschaften, Ermutigungen und Anteilnahme

„Super! Bravo! Bravo, Armi!“, ruft die Tagesmutter. Armi und Angela haben es geschafft, das Auto unter der Kommode hervorzuholen. DieTagesmutter freut sich mit den Kindern und lobt sie. Durch diese Anteilnahme der Bezugsperson werden das Erfolgserlebnis und das Gefühl der Kinder, etwas selbst und erfolgreich erreichen zu können (Selbstwirksamkeit) noch verstärkt. Sie werden so bestärkt in ihrer Erfahrung: „Ich habe dieses Mal die Herausforderung (fast) allein gemeistert, also kann ich es auch das nächste Mal.“ Dieses Erlebnis trägt zum allmählichen Aufbau eines positiven und zugleich realistischen Selbstkonzepts bei. Dies stärkt die Fähigkeit, psychische Widerstandskraft zu entwickeln (Resilienz). Letztere brauchen Kinder, um auch bei Belastungen sagen zu können: „Ich kann etwas bewegen, ich kann etwas lernen, ich bin wertvoll!“

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.).

Autoanhänger

Oft reichen kurze Erklärungen als Hilfe zur Selbsthilfe. Dann haben Kinder das Gefühl, es fast von alleine geschafft zu haben. Das macht sie sicher und zuversichtlich.
Malou / 3 Jahre 2 Monate

Passende Unterstützung und Begleitung

Malou braucht den Autoanhänger, um die Schaufel zu transportieren. Doch da ergibt sich ein Problem: Dieser lässt sich nicht so einfach befestigen. Malou vermutet, dass sie das rote Zwischenstück benötigt, um Auto und Anhänger zu verkoppeln. Um sicherzugehen, steckt sie es ins Loch am Auto. Es passt! Nun muss nur noch der Anhänger dran. Trotz Ausprobierens kommt sie nicht ans Ziel. Der Anhänger will nicht halten. Die Hilfe der Mutter ist gefragt. Doch diese ist beschäftigt und reagiert nicht sofort. Also versucht es Malou erneut. Sorgfältig betrachtet sie die Vorrichtung. Doch auch dieses Mal klappt es nicht. Aus der Distanz gibt die Mutter Tipps („Du musst es zuerst geradestellen.“). Als sie merkt, dass ihre Tochter auch damit nicht ans Ziel kommt, geht sie zu ihr hin. Sie hilft ihr nun mit gezielten, unterstützenden Hinweisen. Diese Denkanstösse liefern Malou ein gedankliches Gerüst, an dem sie sich bei der Lösungssuche orientieren kann. Und tatsächlich, so klappt es!

Kinder sollen Hilfestellungen und Anregungen erhalten, die an ihre vorhandenen Fähigkeiten angepasst sind. So können sie sich mit neuen Dingen auseinandersetzen, motiviert bleiben und in ihrer Entwicklung voranschreiten. Sie werden darin bestärkt, eigene Lösungswege zu erarbeiten und zu erproben. Erhält ein Kind zu viel Unterstützung im Vergleich zu dem, was es schon kann oder lernen möchte, ist es unterfordert und langweilt sich. Erhält es aber zu wenig Unterstützung, ist es überfordert, fühlt sich hilflos und gerät unter Druck. In beiden Fällen kann Lernen nicht ausreichend stattfinden. Wo die Balance zwischen „helfen“ und „selber machen lassen“ liegt, hängt vom Temperament des Kindes, seinem aktuellen Entwicklungsstand und seinen bisherigen Erfahrungen ab.

Die Mutter spürt genau, was sie Malou zutrauen kann und was nicht. Indem sie ihre Tochter mit Worten anleitet, unterstützt sie diese genau so viel, wie sie braucht, um den Anhänger selbständig am Auto befestigen zu können. So ermöglicht sie ihr, Selbstwirksamkeit und Erfolgsfreude zu erleben. Malou hat es (fast) alleine geschafft, den Anhänger zu befestigen. Dies gibt ihr den Mut, gleich die nächste Herausforderung zu bewältigen: den Transport der Schaufel. Diese will sich nicht auf dem Anhänger halten. Ganz ohne Hilfe findet Malou eine Lösung, wie sich die Schaufel auf eine andere Weise transportieren lässt.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehungen und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.); Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Positives Selbstbild entwickeln

Die Entwicklung von Selbstkonzept und Selbstwert wird wesentlich von sozialen Erfahrungen beeinflusst. Die Mutter nimmt Malou das Befestigen des Anhängers nicht ab, sondern unterstützt sie, es selbst zu machen. Dies gibt Malou das Gefühl, ein Ziel selber erreichen zu können. Sie erlebt sich als kompetentes, lernendes Mädchen und macht die Erfahrung: „Ich kann etwas bewegen, ich kann etwas lernen und ich bin dabei nicht allein!“ Dies prägt nicht nur das Bild, welches Malou von sich selbst hat, sondern beeinflusst auch ihr Verhalten und damit, was sie künftig erlebt und wie sie von anderen wahrgenommen wird.

Aufgrund vieler Botschaften seiner Bezugspersonen erfährt ein Kind, was andere ihm zutrauen und zumuten. Diese Botschaften erfolgen dabei sowohl über die sprachliche als auch die nichtsprachliche (mimische, gestische) Kommunikation. Malou merkt beispielsweise am Verhalten der Mutter, dass sie ihr zutraut, den Autoanhänger selbst zu befestigen. Dies trägt dazu bei, dass Malou sich selbst positiv einschätzt (positives Selbstkonzept). Respektvolle Botschaften und Ermutigungen sind für die Persönlichkeitsentwicklung sehr wichtig. Mit ihrem Lob („Gut, super! Jetzt geht’s!“) zeigt die Mutter aufrichtige Anteilnahme am Erfolg ihrer Tochter. Diese spürt die Wertschätzung und Achtung und erlebt sich selbst als handlungsfähig und kompetent.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktion, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflusst sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.).

Bekanntes mit Neuem verknüpfen

Es ist nicht das erste Mal, dass Malou den Anhänger benutzt. Bestimmt hat sie schon oft zugeschaut, wie ihre Mutter oder ein anderes Kind diesen am Auto befestigte. Sie weiss genau, welches Zwischenstück sie braucht, um den Anhänger zu befestigen. Doch wie genau funktioniert dieser Mechanismus? Mit Unterstützung ihrer Mutter findet Malou heraus, dass der Anhänger nur hält, wenn man das Zwischenstück unten schräg stellt. Diese neue Information kann sie in ihr bisheriges Wissen über die Verkoppelung von Auto und Anhänger einordnen.

Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig das Vorwissen für ein Kind ist. Denn eine Erfahrung ist nur dann wirksam oder „bildend“, wenn das Kind sie in sein Vorwissen integrieren und entsprechend seinem aktuellen Entwicklungsstand verarbeiten kann. Deshalb ist es wichtig, dass die Unterstützung des Kindes auf den Entwicklungsstand und das Vorwissen des Kindes abgestimmt wird. Nur so kann ein Kind nachhaltige Lernerfahrungen machen. Braucht Malou den Anhänger das nächste Mal, weiss sie, wie sie vorgehen muss, um diesen zu befestigen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Bausteine

Der Wohnzimmerteppich als Spiel- und Lernort. Ganz alltäglich und immer wieder: Spielen ist Lernen und Lernen ist Spielen.
Ilke / 4 jahre 9 monate Irem / 2 jahre 10 monate

Lernen ist Spielen und Spielen ist Lernen

Irem, Ilke und ihr Vater bauen zusammen mit bunten Bausteinen ein Haus. Sie spielen miteinander und die Kinder lernen dabei ganz viel Verschiedenes. Denn Spielen und Lernen sind keine Gegensätze, sondern weitgehend eins. Spielen ist die Hauptbeschäftigung von kleinen Kindern und kann als elementare und ausgesprochen vielfältige Form des Lernens bezeichnet werden. Beim Hausbauen muss überlegt, ausprobiert und miteinander kommuniziert werden. Welcher Stein passt wo am besten? Wo ist der Stein, der gerade benötigt wird? Was kommt als nächstes? Somit werden Logik, Geschicklichkeit, Koordination, Feinmotorik, räumliches Denken und Kreativität trainiert und das bisher gewonnene Wissen über Häuser umgesetzt und erweitert. Beim Werfen der Bausteine übt Irem ihre Koordination und Reaktionsfähigkeit. Teamwork ist sowohl beim Hausbauen als auch beim Bausteinwerfen und -fangen gefragt. Es muss geklärt werden, wer wo wie baut, wer gerade dran ist mit Werfen oder Fangen und wann man aufpassen muss. Papa wird auch um Hilfe gefragt, wenn es darum geht, den passenden Stein zu finden. Die sozialen Fähigkeiten und Fertigkeiten von Ilke und Irem werden somit durch das gemeinsame Tun erweitert und aufgebaut. In Spielhandlungen erarbeiten sich Kinder ein Bild von der Welt und von sich selbst. Sie konstruieren ihr Wissen und Sinnverständnis und setzen sich so aktiv mit ihrer Lebenswelt auseinander. Der Vater hat die Bedeutung des gemeinsamen Spielens erkannt. Er teilt die Begeisterung seiner Kinder und nimmt sich ausreichend Zeit für sie. Das stärkt die Beziehung zwischen den Dreien.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.); Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Interessen und Ideen der Kinder aufgreifen

Irem kommt mitten im Hausbauen mit den Bausteinen auf die Idee, einen Stein zu ihrem Vater zu werfen. Sie möchte jetzt Werfen und Fangen spielen. Der Vater geht sofort auf Irems Spielidee ein und macht freudig mit. Er gibt sogar Tipps, wie es besser gelingen kann: „Aber benutz auch deine andere Hand.“ Oder: „Schau, wie ich es auffangen werde!“ Wenn Erwachsene die Interessen und Ideen der Kinder aufgreifen, so nutzen sie die Potenziale, die kleine Kinder von Geburt an mitbringen: Die Begeisterung und die Motivation, etwas Neues zu lernen. Die Neugierde der Kinder ist Motor sämtlicher Bildungs- und Lernprozesse. Nur Lernen, das Freude macht, bleibt bei kleinen Kindern nachhaltig hängen. Und die Freude ist Irem ins Gesicht geschrieben.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.); Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Berg

Wenn es um Hilfe geht, heisst die Zauberformel: So viel wie nötig und so wenig wie möglich. Das macht Kinder selbständig und mutig.
Meret / 3 Jahre 7 Monate

Passende Unterstützung und Begleitung

Im Verhalten der Kinder lassen sich generell drei motivationale Quellen erkennen. Dies sind Motive, die das Verhalten von Kindern beeinflussen: erstens das Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz, zweitens das Bedürfnis nach Anregung und Herausforderung, drittens das Bedürfnis nach Autonomie und Selbständigkeit. Die Sicherheit bekommt Meret durch die Anwesenheit der Erzieherin. Das Mädchen bittet noch um zusätzliche Unterstützung, indem sie nach der Hand der Erzieherin fragt. Anregung für ihren Tatendrang erhält Meret, indem sie sich mit der Kindergruppe – trotz Kälte und Schnees – im Garten der Kita austoben und auf den Schneeberg klettern kann. Antonia, die hinzukommt und eigentlich ebenfalls auf den Schneeberg steigen möchte, bekommt von der Erzieherin eine Alternative aufgezeigt: Sie könnte sich z.B. zu den Kindern weiter hinten im Garten gesellen. Auch andere Kinder in der Umgebung regen weitere Ideen an. So sieht Meret etwa, wie die anderen Schnee-Engel machen – das will sie auch ausprobieren. Meret erklimmt den Schneehügel, zwar mit etwas Hilfe, aber doch aus eigener Kraft. Meret ist autonom, sie geht aus eigener Initiative und nach eigenem Plan vor. Wie viel Sicherheit und Anregungen ein Kind jeweils braucht, hängt von seinem individuellen Entwicklungstand, von seiner Persönlichkeit, von seinen bisherigen Erfahrungen innerhalb und ausserhalb der Familie und von der konkreten Situation ab. Hier das richtige Mass zu finden, ist von zentraler Bedeutung für die Passung zwischen der Selbständigkeit des Kindes und der Unterstützung, die es braucht.

Was Merets Ziel ist, sagt sie ganz klar: „Ich will hoch.“ Doch alleine schafft sie es nicht, auf den Schneeberg zu steigen. Die Erzieherin nimmt dies wahr und reagiert darauf. Sie ist für Meret eine vertraute und verlässliche Bezugsperson und in diesem Moment auch verfügbar. Die beste Voraussetzung also, dass Meret ihrem Interesse nachgehen kann. Kinder wollen Sachen ausprobieren, Neues erkunden, die Welt entdecken. Dafür brauchen sie die Unterstützung und Begleitung von Erwachsenen – manchmal etwas mehr, manchmal etwas weniger. Meret sagt genau, welche und wie viel Unterstützung sie braucht: „Hand geben!“ Die Erzieherin reicht Meret die Hand und stellt noch ihr Bein an den Schneeberg, sodass Meret mit ihrem Fuss nicht so schnell abrutscht. Dies ist genau so viel Hilfe, wie Meret braucht, um den Schneeberg zu erklimmen und um zu lernen, das Gleichgewicht zu halten, die Füsse zu koordinieren sowie ein Erfolgserlebnis zu spüren. Hätte die Erzieherin Meret mehr geholfen, hätte sie diese Erfahrungen so nicht machen können. Hätte sie zu wenig geholfen, wäre Meret vielleicht überfordert gewesen. Sie wäre nicht hochgekommen und hätte einen Misserfolg erlebt. Nicht zu viel und nicht zu wenig – die Balance macht es aus.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 1: Physisches und psychisches Wohlbefinden: Ein Kind, das sich wohl fühlt, kann neugierig und aktiv sein (S. 35 ff.).

Respektvolle Botschaften, Ermutigungen und Anteilnahme

„Geteilte Freude ist doppelte Freude“, sagt der Volksmund. Als Meret den Schneeberg erklommen hat, freut sich die Erzieherin mit ihr. „Super! Bravo!“, ruft sie und klatscht in die Hände. Alles Ausdruck von ehrlicher Freude über Merets Erfolg. Dieses wertschätzende und ehrlich gemeinte Lob geben Meret zu verstehen: Du hast da etwas Tolles gemacht, du hast etwas erreicht! Meret erhält somit eine Bestätigung von der Erzieherin, zusätzlich zum eigenen Erfolgserlebnis. Dies motiviert Meret zum erneuten Anlauf.

In der Wiederholung schlagen sich Erfolgserlebnisse in einem Bild von sich selbst als fähiger und kompetenter Lerner nieder. Das heisst, Meret gewinnt nach und nach ein Bild davon, was sie weiss und was sie kann. Längerfristig ist dieses Selbstbild daher eine bedeutende Quelle für Motivation. Es bestimmt grundsätzlich, ob sich das Kind bei einer Aufgabe gute Erfolgschancen ausrechnet und wie es diese folglich angeht: Hier besteht die Aufgabe darin, einen Schneeberg hoch- und dann wieder davon herunterzukommen. Ein nächstes Mal besteht sie vielleicht darin, einen Scherenschnitt auszuschneiden, ein Ballspiel zu erlernen oder ein Computerspiel zu bedienen. Weiss Meret, dass sie schon Aufgaben verschiedener Art bewältigt hat, wird sie sich neuen Herausforderungen neugierig und zuversichtlich stellen. Die Lernbiographie von Kindern beginnt nicht erst in der Schule beim Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern bereits von Geburt an. Die vielen, kleinen Lernschritte gilt es sorgfältig zu begleiten und zu fördern.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.).

Forschen und Entdecken

Kinder sind Weltentdecker. Sie erkunden neugierig und engagiert ihre Umgebung. Meret übt sich heute als Bergsteigerin. Das Hindernis zu überwinden und hoch hinaufzukommen, das ist ihr Ziel. Sie probiert aus, wie man dort hinaufkommt, wie es sich anfühlt, oben zu stehen, und wie man am besten wieder herunterkommt. Das Beobachten von anderen oder deren Erklärungen können Lernprozesse begünstigen. Der wichtige Schritt ist dann jedoch, es nachzuahmen, es selber auszuprobieren. Erst durch das eigene Handeln können Kinder die entsprechenden Fähigkeiten entwickeln und üben. Einmal auf den Schneeberg und einmal wieder herunter – wie man das anstellt, weiss Meret erst, wenn sie es selber gemacht hat. Nur einmal hinaufzukraxeln und wieder hinunterzuspringen, reicht für Meret nicht, sie muss es wiederholen. Wiederholungen und damit das Üben sind wichtig, damit Kinder ihre neu gewonnenen Erkenntnisse bestätigen, korrigieren oder erweitern und damit in Routine umwandeln können.

Um sich auf diese individuellen Konstruktions- und Aneignungsprozesse einzulassen, brauchen Kinder entsprechende Rahmenbedingungen. Meret möchte den Schneeberg erklimmen, mehrmals. Dafür braucht sie die Gelegenheit und ausreichend Zeit. Die Erzieherin sorgt dafür, dass sie genau dies bekommt. Geduldig, ohne Zeitdruck, steht sie Meret zur Seite. Und als Antonia hinzukommt und sich auch für den Schneeberg interessiert, zeigt die Erzieherin ihr eine Alternative auf. So sind beide Kinder zufrieden: Meret kann ungestört bergsteigen und Antonia macht mit den anderen Kindern Schnee-Engel.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.).

Bibliothek

Früh übt sich, wer eine Leseratte oder ein Bücherwurm werden will.
Irem / 3 Jahre 3 Monate Ilke / 5 Jahre 2 Monate

Gemeinsames „Lesen“ von Bilderbüchern

Die Mutter macht mit Irem und Ilke einen Ausflug in die Bibliothek. Viele Bücher stehen dort zur Verfügung, auch Kinderbücher in verschiedenen Sprachen. Irem darf sich ein Buch zum gemeinsamen Lesen aussuchen. Das Vorlesen beinhaltet nicht nur das Aussprechen dessen, was in Schrift abgedruckt ist. Es beinhaltet auch das Nachverfolgen einer Geschichte anhand des Textes und anhand von Bildern, das Sprechen über diese Geschichte und über das, was auf den Bildern sonst noch alles zu sehen ist. Bei Irem, Ilke und ihrer Mutter ergeben sich beim Vorlesen lebhafte Dialoge zwischen allen dreien. Irem möchte wissen, warum der Kinderwagen hinuntergestürzt ist („Was hat er gemacht?“). Ilke leidet mit dem Baby („Mama, schau ... aua ... das Baby.“) und zeigt Einfühlungsvermögen. Aufmerksam geht die Mutter auf die Kommentare ein. Irem und Ilke werden von der Mutter immer wieder dazu angeregt, in Worte zu fassen, was sie in dem Buch sehen („Was ist das?“). Sie lenkt die Aufmerksamkeit ihrer Kinder durch Hinweise auf bestimmte Details in der Bilderfolge. Die Kinder benennen die Objekte und Personen in den Bildern und die Mutter wiederholt die Begriffe. Durch diese Wiederholungen spiegelt und bestätigt die Mutter die Antworten der Kinder. So wird ganz nebenbei auch der Wortschatz der Kinder gefestigt und erweitert. Das sogenannte dialogische Vorlesen – das gemeinsame Lesen einer Geschichte und laufende Sprechen darüber – ist eine bedeutende Art und Weise, die sprachliche Entwicklung der Kinder, insbesondere den Wortschatz, auf vielfältige und altersangemessene Weise zu fördern.

Welche weiteren Aspekte der sprachlichen und kognitiven Entwicklung fördert das gemeinsame Lesen von Geschichten? Während die Kinder gespannt die Geschichte verfolgen, ihr Blick Seite für Seite der Schrift und den Illustrationen folgt, wandeln sich die vielen Worte über die Stimme der Mutter in konkrete Bilder. Vor dem geistigen Auge spielt sich ein farbiger und detailreicher Film ab. In diesem Fall begleiten die Kinder die Katze Mieze Matz auf ihren Abenteuern. Ein lebendiges und kreatives Vorstellungsvermögen sind eine wertvolle Bereicherung für das kindliche Erleben und Schaffen.

Das schulische Lernen basiert weitgehend auf dem Medium Buch. Die frühen Erfahrungen mit Büchern, Schrift und Bildern ist daher für die Bildungsbiographie von grosser Bedeutung. Kindern sollte von Beginn an ein positiver Zugang zu Büchern ermöglicht werden, sodass sie auch im schulischen Kontext ein Interesse an Büchern haben und über einen kompetenten Umgang mit diesen verfügen. Die Freude an Büchern, Geschichten, Bildern und Schrift weckt auch die Lust, selbst lesen und schreiben zu lernen. Die Erzählsprache ist darüber hinaus eine wichtige Brücke zwischen der Alltagssprache und den zentralen Kompetenzen der späteren Bildungssprache, dem Lesen und Schreiben. Sprache ist eine Schlüsselkompetenz für schulisches Lernen und Bildungserfolg.

Im Rahmen der frühen Sprachbildung kommt literalen Aktivitäten daher eine zentrale Stellung zu. Denn die frühe Beschäftigung mit Büchern vermag altersgerecht kleinen Kindern die Freude und Begeisterung an Sprache entwickeln zu lassen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.); Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Physisches und psychisches Wohlbefinden

Eng an die Mutter gekuschelt schauen Irem und Ilke in das Buch, während die Mutter vorliest. Damit sich Kinder gut entwickeln können, brauchen sie mehr als nur Nahrung, Schlaf, Kleidung und ein Zuhause. Kinder brauchen vertraute Personen, die einfühlsam ihre Bedürfnisse erkennen sowie angemessen darauf reagieren und den Kindern liebevoll Zuwendung und Zeit schenken. Der Aufbau von starken emotionalen Bindungen zu einer oder mehreren Bezugspersonen ist zentral für die kindliche Entwicklung. Hier ist die Mutter der „sichere Hafen“. Durch die Körpernähe erhalten die Kinder von ihrer Mutter Zuwendung und Geborgenheit. In ihren Armen fühlen sich die Kinder sicher und beschützt. Die beiden sind entspannt und können sich ganz auf das Bilderbuch konzentrieren. Denn nur, wenn sich Kinder physisch und psychisch wohl fühlen, sind sie offen für Lernerfahrungen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 1: Physisches und psychisches Wohlbefinden: Ein Kind, das sich wohl fühlt, kann neugierig und aktiv sein (S. 35 ff.).

Gemeinschaftliches Lernen

Irem, Ilke und die Mutter lesen heute das Buch zum ersten Mal. So hat keiner einen Wissensvorsprung, sondern alle drei entdecken etwas Neues. Beim gemeinsamen Lesen und Besprechen der Geschichte taucht plötzlich eine Frage auf: „Aber wem gehört die Tasche?“ Ilke und die Mutter glauben zuerst, dass die Tasche der Mutter aus dem Buch gehört. Doch beide liegen falsch. Ilke erkennt den Irrtum sofort und sagt deutlich: „Nein. Die Tasche seiner Mutter war grün.“ Die Mutter ist offen für Ilkes Einwand. Sie weiss, dass sich manchmal auch Erwachsene irren können. Aus der Frage nach der Tasche entwickelt sich nun eine gemeinsame Suche durch das Buch. Es muss überlegt und sich erinnert werden. Gemeinsam finden sie die Antwort.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehung und Gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.).

Bilderbücher

Kinder können viel voneinander lernen und Sprachhürden spielend überspringen.
Zalán / 3 Jahre 10 Monate Yannik / 4 Jahre

Gleichheit und Verschiedenheit erleben

Zalán und Yannik haben unterschiedliche Erstsprachen: Yannik spricht Deutsch und Zalán spricht Ungarisch. Doch beide haben auch viele Gemeinsamkeiten: Beide interessieren sich gerade für bestimmte Bilderbücher und wollen sich darüber mit jemandem austauschen. Diese geteilte Neugier und das gegenseitige Interesse aneinander sind Grundlage für das gemeinsame Spiel. Neugierig und unbefangen gehen Yannik und Zalán trotz der Sprachbarrieren aufeinander zu und erkunden zusammen die Bücher. Die beiden schauen, zeigen, zählen, blättern, lachen, reden. Gemeinsam macht es mehr Spass als alleine. Dabei erkennen die Jungen wahrscheinlich ihre Unterschiede hinsichtlich ihrer Herkunft und vielleicht finden sie dies gerade spannend aneinander. So erfahren die Kinder, dass es Gleichheit und Verschiedenheit gibt. Dies hilft den Kindern, sich als einzigartig und gleichzeitig als Teil einer grösseren Gemeinschaft zu erleben.

Eine wichtige Voraussetzung, damit sich Zalán und Yannik so neugierig und wohlwollend begegnen können, ist eine offene Haltung der Erwachsenen gegenüber Menschen, die sich z.B. bezüglich Sprache oder Herkunft unterscheiden. Wenn die Eltern, die Spielgruppenleiterin und andere wichtige Bezugspersonen die Vielfalt von allen Menschen in unserer Gesellschaft als Ressource, Normalität und Chance verstehen, dann geben sie als Vorbilder diese Einstellung auch an die Kinder weiter.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 5: Inklusion und Akzeptanz von Verschiedenheit: Jedes Kind braucht einen Platz in der Gesellschaft (S. 44 f.).

„Hundert Sprachen“ der Kinder

Zalán spricht zu Hause Ungarisch, Yannik Deutsch. Zalán hat zwar in den letzten Monaten in der Spielgruppe schon einiges in Schweizerdeutsch gelernt, aber um mit Yannik in ein ausführliches Gespräch zu kommen, reicht es noch nicht. Doch es gibt noch andere Formen der Kommunikation als den Austausch mit Worten. Kinder nutzen „hundert Sprachen“, um sich auszudrücken und mitzuteilen. Bei Yannik und Zalán lassen sich einige davon finden: Sie nähern sich, berühren sich, zeigen mit dem Finger auf etwas im Bilderbuch, betrachten das Gleiche, zählen, lachen, erzählen und kommentieren mit Gesten und Worten. Zalán und Yannik finden gemeinsam verschiedene Wege, um ihre Gedanken und Gefühle mitzuteilen und sich zu verständigen. Sie umgehen die anfänglichen Sprachhürden und bauen diese ab. Gleichzeitig erweitern sie aber auch ihre sprachlichen Fähigkeiten. Zalán beispielsweise kann beim gemeinsamen Betrachten der Bilderbücher neue Wörter in der fremden Sprache lernen und Gelerntes üben. Die ersten Zahlen in Schweizerdeutsch beherrscht er schon und präsentiert sein Können. Zudem wiederholt er, was Yannik zuvor viele Male gesagt hat: „Guck mal!“ – wieder etwas Neues gelernt.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Bonbons

Herausforderungen meistern Kinder, wenn die Erwachsenen mit ihnen darüber sprechen und sie in ihrem Tun bestärken. Immer und immer wieder neu.
Zalán / 3 Jahre 10 Monate Csongor / 6 Jahre 1 Monat

Respektvolle Botschaften, Ermutigungen und Anteilnahme

Zalán hat Bedenken, ob er die kleinen Süssigkeiten in die Donald-Duck-Schiene stecken kann: „Ich möchte das können, ich schaffe es nur nicht. Ich habe es schon oft versucht. Es geht einfach nicht.” Seine Mutter dagegen ermutigt ihn: „Versuch es, vielleicht gelingt es dir jetzt doch! Ja? Wenn es dir nicht gelingt, dann kommt Mama und hilft dir.” Solche aufmunternden Worte geben Kindern Mut, knifflige Dinge anzugehen und auch standzuhalten, wenn es mal schwierig wird. Und es ist nicht einfach für Zalán, der Verlockung zu trotzen, das weiss er selbst: „Ich kann nicht widerstehen. Ich werde es sowieso essen.“ Doch er bleibt stark und steckt ein Bonbon nach dem anderen in die Schiene hinein, bis die Packung leer ist. Zwischendurch erkundigt sich seine Mutter, ob es klappt. Und ja, es scheint zu klappen. Die Mutter freut sich mit ihrem Sohn. „Es klappt! Super!“, sagt sie. „Siehst du, das kannst du doch ganz alleine. Ja?“ Sie hat ihrem Sohn von Anfang an zugetraut, dass er die selbst gewählte Aufgabe bewältigen kann. Und wenn es Mama Zalán zutraut, dann kann er auch selbst dieses Vertrauen in seine Fähigkeiten haben. Zum Schluss noch eine Wertschätzung: „Das habt ihr gut gemacht!“ Diese Äusserungen der Mutter enthalten verschiedene Botschaften: Die Mutter traut und mutet Zalán einiges zu. Ihre Wertschätzung und Ermunterung stärken Zalán darin, die Aufgabe selbst zu meistern und auch zukünftig selbstbewusst an neue Herausforderungen heranzutreten. So kann Zalán ein positives und zugleich realistisches Selbstkonzept nach und nach aufbauen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich (S. 42 ff.).

Ganzheitliches Lernen

Der Alltag ist voller Lerngelegenheiten. Auch das Umfüllen von Süssigkeiten kann Möglichkeiten zum Lernen bieten. Mit akribischer Genauigkeit zählt Zalán immer wieder seine Bonbons. Wie viele sind schon versorgt? Wie viele noch übrig? Und wie viele sind es eigentlich insgesamt? Zalán nutzt die Gelegenheit, um sein Wissen über Zahlen anzuwenden und das Zählen zu üben. Das Einfüllen der kleinen Süssigkeiten verlangt Konzentration und Fingerfertigkeit – es ist eine ausgezeichnete Feinmotorikübung. Nebenbei übt Zalán auch die Sprache, indem er mit der Mutter sowie dem grösseren Bruder kommuniziert und die Zahlen laut ausspricht.

Kleine Kinder brauchen für sie interessante Aufgaben, Herausforderungen und Spielsituationen. Ganz nebenbei können sie so ihre Kompetenzen in ganz unterschiedlichen Bereichen anwenden, festigen und erweitern.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Eigene Lösungswege suchen und erproben

Zalán steht vor der Schwierigkeit, die kleinen Bonbons in der Donald-Duck-Schiene aufzureihen. Die Mutter, welche in Hörweite ist, nimmt ihm das nicht ab, sondern lässt Zalán Zeit, diese Herausforderung selbst zu bewältigen. Denn nur, wenn Zalán es selbst tut, kann er Selbstwirksamkeit und Erfolgsfreude erleben. Zalán kann auch weitere wertvolle Lernprozesse machen. Am Ende weiss er, wie viele kleine Bonbons hineinpassen und wie man sie am besten hineinstecken kann. Und vor allem weiss er, dass er es selbst geschafft hat und es das nächste Mal wieder schaffen kann. Er erlebt sich als handlungsfähig und kompetent. Ganz nebenbei hat die Mutter Zalán geholfen, einen Plan zu verfolgen und dafür eine süsse Belohnung etwas aufzuschieben.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Brei

Liebe geht durch den Magen! Mimik, Gestik, Berührungen und Worte sind Teil eines wichtigen Zwiegesprächs. Dadurch erfahren Kinder schon früh viel über sich selbst und über ihre Wirkung auf andere.
Kristóf / 7 Monate

Miteinander austauschen

Der Austausch mit anderen Menschen spielt von Geburt an eine bedeutsame Rolle. Obwohl sich Kristóf noch nicht mit Worten ausdrücken kann, findet rund um Kristófs Mahlzeit ein reger Austausch zwischen ihm und seiner Mutter statt. Immer wieder haben die beiden Blickkontakt oder lächeln sich an.

Von Anfang an verfügen Kinder über eine Grundausstattung an Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeiten. Sie drücken ihre Gefühle und Gedanken in „hundert Sprachen“ aus. Mit seiner Mimik, mit Lauten und mit den Bewegungen seiner Hände und Füsse gibt Kristóf seiner Mutter Auskunft über seine Stimmung und seine Bedürfnisse. Gleichzeitig nimmt er mit allen Sinnen wahr, was seine Mutter ausdrückt. Er lauscht ihrer ruhigen, entspannten Stimme, betrachtet ihren freundlichen Gesichtsausdruck und spürt ihre Finger, die er festhält. Aufgrund der Reaktionen der Mutter auf sein Verhalten erfährt er, ob und wie er verstanden wird. Indem die Mutter Kristófs Mimik und Körpersprache beobachtet oder in die gleiche Richtung schaut wie er, erfährt sie, was ihn fasziniert oder was er mitteilen möchte. Darauf reagiert sie prompt. So nimmt die Mutter etwa sein Interesse am eigenen Füsschen auf. Sie kommentiert seine Bewegungen und hält ihm das Füsschen hoch. Als er unruhig wird, weiss die Mutter dies zu deuten und hebt ihn aus der Babyschale. Dadurch erfährt Kristóf, dass seine Signale wahrgenommen werden und er etwas bewirken kann. Dies ist eine zentrale Erfahrung, denn aus der Entdeckung der eigenen Wirksamkeit sowie aus unmittelbaren körperlichen, sinnlichen und emotionalen Erfahrungen entwickelt sich in den ersten Lebensjahren die personale Identität in ihren verschiedenen Facetten.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.); Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Erfahrungslernen im Alltag des Kindes

Bildungsprozesse sind in der frühen Kindheit immer an konkrete und alltägliche Situationen im Leben des Kindes gebunden. So stillt Kristóf beim Essen des Breis nicht nur den Hunger, sondern macht gleichzeitig vielfältige Erfahrungen: Er erkundet den Geschmack und die Konsistenz des Karotten-Kartoffel-Breis mit der Zunge, hört den Klang und den Rhythmus des Reims, welchen ihm die Mutter vorsagt, und merkt, dass er verschiedene Dinge, wie die Hand seiner Mutter oder sein eigenes Füsschen ergreifen kann. Indem die Mutter in Worte fasst, was Kristóf erlebt oder selber tut, sowie Reime und Lieder im Alltag nutzt, unterstützt sie Kristóf zudem im Erlernen der Sprache. So dient die tägliche Essenssituation nicht nur der Nahrungsaufnahme, sondern eröffnet zugleich unzählige Lerngelegenheiten. Das Lernen erfolgt bei kleinen Kindern nicht isoliert und losgelöst vom konkreten Handlungszusammenhang, sondern immer eingebettet in solche. Dies alles fusst auf der emotionalen, sicherheitsgebenden Beziehung zur Mutter.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Bildung – Betreuung – Erziehung (S. 22 f.); Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.).

Physisches und psychisches Wohlbefinden

Damit sich ein Kind wohl fühlen und aktiv sein kann, müssen nicht nur seine körperlichen, sondern auch seine psychischen Bedürfnisse gestillt sein. Kristóf ist ausgeschlafen und kann mit dem Zvieri seinen Hunger stillen. Er fühlt sich sichtlich wohl und gut aufgehoben in der Anwesenheit seiner Mutter. Geborgen und gesättigt kann er sich der Zwiesprache mit seiner Mutter konzentriert zuwenden. Die beiden älteren Brüder spielen im Nebenzimmer und die Mutter und Kristóf geniessen die Zweisamkeit. Die beiden nutzen die Essenszeit, um sich intensiv miteinander zu beschäftigen. Solche Momente stärken die Beziehung und geben Kristóf die Gewissheit, eine vertraute und verlässliche Bezugsperson in der Nähe zu haben, die seine Bedürfnisse wahrnimmt und feinfühlig darauf reagiert. Diese Art von Sicherheit ist Voraussetzung dafür, dass sich Kristóf im näheren Umkreis der Mutter auf Erkundungstouren begeben und dabei viele spannende Erfahrungen machen kann.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Bildung – Betreuung – Erziehung (S. 22 ff.); Leitprinzip 1: Physisches und psychisches Wohlbefinden: Ein Kind, das sich wohl fühlt, kann neugierig und aktiv sein (S. 35 ff.).

Drehschale

Kinder können gleichzeitig Verschiedenes lernen. Besonders, wenn mehrere Sinne mit im Spiel sind und wenn sie sich die Aufgabe selber stellen.
Zalán / 3 Jahre 10 Monate Kristóf / 7 Monate

Ganzheitliches Lernen

Kinder lernen nicht fragmentiert, sondern ganzheitlich. Dies bedeutet, dass Kinder beim Lernen alle ihre Sinne benutzen. Zalán hört das Lied, das seine Mutter singt, und singt selbst mit. Unter seinen Füssen spürt er die wackelige Drehschale und nutzt intensiv seinen Gleichgewichtssinn. Mit seinem ganzen Körper versucht er, die Balance zu halten. In seinen Händen spürt er den Ball – die Form und das Material. Seine Augen verfolgen den Flug des Balls. Die Augen koordinieren sich gleichzeitig mit den Armen, welche den Ball fangen und wieder werfen. Auch der kleine Kristóf, der daneben auf dem Boden liegt, nutzt seine Sinne zum Erkunden. Bei ihm ist es das kleine Auto, das im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit steht. Kristóf erfühlt das Material mit den Händen und mit seinem Mund, während seine Augen gespannt beobachten, wie das Fahrzeug hin und her rollt. Kleine Kinder lernen nicht nur mit ihrem Intellekt, sondern gleichzeitig auch mit ihrem Körper, ihren Emotionen und mit ihren Sinnen – Kinder lernen mit „Kopf, Herz und Hand”. Alles ist bedeutsam für die Bildungsprozesse von Kindern.

Ganzheitliches Lernen bedeutet aber auch, dass Kinder von einer einzigen Beschäftigung in mehrfacher Hinsicht profitieren können. In dieser Situation werden sowohl bei Zalán wie auch bei Kristóf ganz verschiedene Bereiche angeregt: Koordinations- und Reaktionsfähigkeit, Gleichgewichtssinn, Körperspannung, Musik- und Rhythmusgefühl, Sprache und soziale Fähigkeiten. Das bedeutet, dass bei Kleinkindern nicht einzelne Entwicklungsbereiche isoliert trainiert werden können. Kinder entwickeln ihre Kompetenzen in den verschiedenen Entwicklungsbereichen nebenbei in Alltags- und Spielsituationen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Lernen ist spielen und spielen ist lernen

Spielen, singen, lachen und lernen, alles kommt zusammen. Hier wird deutlich: Lernen ist mit Spass verbunden. Zalán wirft und fängt den Ball, steht in der wackeligen Drehschale, stellt sich auf ein Bein und singt dabei – gar keine leichte Aufgabe, das alles gleichzeitig zu meistern. Doch diese selbst gewählte Herausforderung verbindet Zalán nicht mit Anstrengung, sondern mit Vergnügen. Die Mutter weiss, dass spielen für Kinder wichtig ist. Sie nimmt sich ausreichend Zeit, um mit ihren Söhnen zu spielen und zu singen, und hat selbst sichtlich Freude dabei. Denn günstige Lernvoraussetzungen haben Kleinkinder insbesondere dann, wenn für sie etwas von Bedeutung ist, wenn sie sich für Aktivitäten und Themen begeistern und interessieren können.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.).

Herausforderungen

Damit eine Situation zu einer Lernsituation wird, muss sie das Kind herausfordern, das heisst ein Stück über das, was es bereits sicher kann, hinausgehen. Oft suchen sich Kinder selbst die für sie passenden Herausforderungen, genau wie Zalán es tut. In der Drehschale zu stehen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, ist gar nicht so einfach. Doch das scheint Zalán nicht genug zu sein. Auf einem Bein stehen und gleichzeitig mit der Mutter Ballwerfen und -fangen spielen und dazu noch singen, das ist eine echte Herausforderung. Zalán probiert aus, wie weit er gehen kann, was er schafft und was nicht. Immer noch ein bisschen schwieriger muss es sein. Gerade so viel, dass er es schaffen kann. Die Mutter lässt ihm einerseits Raum, seine Ideen auszuprobieren, andererseits drängt sie ihn aber nicht, die Ziele noch höher zu stecken. So ist die Situation für Zalán weder langweilig noch frustrierend. Die beste Voraussetzung für eine Lerngelegenheit.

In einem Moment wird es dennoch zu viel: Den Ball hat Zalán zwar gefangen, dafür aber das Gleichgewicht verloren. Schlimm ist es nicht. Lachend steht Zalán auf und probiert es weiter. Unermüdlich hält er seiner selbst geschaffenen Herausforderung stand und bekommt durch die Geduld und das liebevolle Lächeln der Mutter Unterstützung.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Passende Unterstützung und Begleitung

Kristóf erkundet entspannt das kleine, rote Auto, während die Mutter und der ältere Bruder daneben mit dem Ball spielen. In der Nähe seiner Mama und seines Bruders fühlt er sich wohl. Mit leichten Berührungen gibt die Mutter Kristóf zu verstehen: „Ich bin da!” Sie schaut immer wieder in Kristófs Gesicht und vergewissert sich so, dass es dem Jüngsten gut geht. Auch hilft sie, wenn das Auto zu weit wegrollt, und holt es für Kristóf in erreichbare Nähe. Umgekehrt stösst sie das Auto an, damit Kristóf wieder dessen Bewegung beobachten kann. Als Zaláns Ball vom eigentlichen Ziel abweicht, hält die Mutter schützend ihre Hände über das kleine Köpfchen von Kristóf. Diese kleinen Gesten im richtigen Moment führen dazu, dass sich Kristóf sicher fühlt und seiner Erkundungslust nachgehen kann. Als sich Kristóf doch nicht mehr wohl fühlt, vielleicht, weil er müde ist, und anfängt zu weinen, erkennt die Mutter die Signale und reagiert sogleich, indem sie ihn hochnimmt.

Der Mutter gelingt es, in dieser Situation beiden Söhne ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Während sie mit Zalán spielt und singt, achtet sie fürsorglich auf Kristóf.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 1: Physisches und psychisches Wohlbefinden: Ein Kind, das sich wohl fühlt, kann neugierig und aktiv sein (S. 35 ff.).

Lieder und Reime

Zalán und seine Mutter singen gemeinsam ein Lied. Das Singen von Liedern ist in vielerlei Hinsicht bedeutsam für die kindlichen Bildungsprozesse.

Lieder haben einen Rhythmus und eine Melodie und sind oftmals in Reimen verfasst. Dies unterstützt den Spracherwerb: Das Rhythmische an Liedern und Versen festigt das Sprachgefühl und unterstützt den Erwerb von Grammatik und Wortschatz. Das Singen des ungarischen Liedes hilft Zalán zudem beim Erweitern und Festigen seiner Erstsprache, der Sprache seiner Familie. Dies ist eine zentrale Grundlage, damit er gut und rasch bald auch Deutsch lernen wird.

Musik – sei es in Liedern, mit Instrumenten oder in Sing- und Tanzspielen – ist auch eine Kommunikationsform, die bereits kleine Kinder sehr lieben. Indem die Mutter mit ihren Kindern singt, eröffnet sie ihnen die Möglichkeit, eine weitere Sprache kennenzulernen, um Gedanken und Gefühle auszudrücken und mitzuteilen.

Nicht zuletzt werden mit Musik auch Zugehörigkeit, Wohlbefinden und emotionale Zuwendung übermittelt. Das gemeinsame Singen von Mutter und Sohn fördert die emotionale Bindung zwischen den beiden. Es unterstreicht ausserdem das Vergnügen am gemeinsamen Spiel.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Einkaufswagen

Keiner zu klein, ein Helfer zu sein. Kinder möchten einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten und sich als wertvoll erleben.
Marona / 3 Jahre 9 Monate Dina / 1 Jahr 6 Monate

Teilhaben und mitwirken

Kinder sind von Geburt an Teil einer Gemeinschaft und bauen persönliche Beziehungen auf. Kinder wollen sich beteiligen, sich einbringen und zugehörig fühlen. Dies muss aber auch erwünscht sein und ermöglicht werden, so wie es bei Marona und Dina der Fall ist. Nicht zum ersten Mal gehen die beiden Mädchen mit der Tagesmutter einkaufen. Sie bekommen hier die Möglichkeit, tatkräftig mitzuhelfen. Vor allem Marona, die schon etwas älter und grösser ist als Dina, darf und kann den Einkaufswagen schieben, die Lebensmittel auf das Förderband legen und den Korb wegbringen. Dies sind alles Möglichkeiten, welche die Tagesmutter Marona eröffnet. Sie stellt Fragen (z.B. „Marona, möchtest du den Wagen weiterfahren?“), sodass das Mädchen selbst entscheiden kann, ob es die Idee aufnehmen möchte oder nicht. Durch das Mithelfen ist Marona nicht nur eine Unterstützung für die Tagesmutter, sondern sie erlebt und spürt durch ihre aktive Beteiligung, dass sie einen wertvollen Beitrag leisten kann. Dies stärkt ihr Selbstbewusstsein und ihr Zugehörigkeitsgefühl. Ganz nebenbei lernen die beiden Kinder auch vieles über die Abläufe beim Einkaufen und entwickeln zunehmend Selbständigkeit.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Herausforderungen

Marona darf den Einkaufswagen mit dem Korb zurückbringen. Gar keine leichte Aufgabe, wie sich herausstellt. Marona weiss schon, dass man in diesem Geschäft den Korb vom Wagen ablösen kann. Kräftig zieht sie daran, doch der Korb will sich einfach nicht lösen. Hilfesuchend schaut sie zur Tagesmutter, aber diese ist gerade mit dem Bezahlen beschäftigt. Also muss sie das Problem selbst lösen. Marona probiert es noch einmal. Weil sie standhaft bleibt, klappt es doch. Nun kann sie ihr Ziel weiter verfolgen und den Korb dort hintragen, wo er hingehört. Das Ausprobieren, das Entwickeln von Lösungsstrategien und das Standhalten, auch wenn es mal schwierig wird, sind zentrale Elemente von Bildungsprozessen bei Kindern. Wenn eine Situation Kinder zu etwas herausfordert, ohne sie zu überfordern, kann sie zu einer Lernsituation werden.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Sprachliche Begleitung

Dina ist noch zu jung, um sich mit der Tagesmutter verbal zu unterhalten, und Marona spricht in ihrer Familie eine andere Sprache. Für sie ist das Schweizerdeutsch ganz neu. Dennoch spricht die Tagesmutter während des Einkaufs mit den beiden Mädchen, auch wenn diese ihr nicht mit Worten antworten. Sie weiss genau, dass Kinder eine Sprache schon verstehen, bevor sie sie selbst sprechen können. Die Tagesmutter stellt Fragen („Willst du auch hoch?“), macht die Kinder auf etwas aufmerksam („Schau, hier!“), lobt die Kinder („Genau! Bravo!“) und fasst ihre eigenen Gedanken in Worte („Da unten gibt es ja Schnittlauch!“). Dabei benutzt sie kurze und einfache Sätze, die für die beiden Mädchen gut zu verstehen sind. Dieses kontinuierliche Sprechen mit den Kindern ist für diese wichtig, damit sie am Beispiel der Tagesmutter lernen, ihre Aufmerksamkeit zu lenken, sich zu konzentrieren, eins nach dem anderen zu tun, zu planen sowie ihre eigenen Gefühle und Gedanken zu verstehen und zu ordnen. Die Tagesmutter wird zum Modell. Dadurch ist sie nicht nur Vorbild, sondern unterstützt beide Mädchen auch beim Erlernen der deutschen Sprache und beim Aufbau des Wortschatzes.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Feile

Do it yourself in Gemeinsamkeit! So fühlen sich Kinder ernst genommen und so wird die Beziehung gestärkt.
Livia / 1 Jahr 7 Monate

Beziehung stärken

Es ist nicht das erste Mal, dass Livia ihren Vater in die Werkstatt begleiten darf. Die beiden haben schon viel zusammen unternommen und fühlen sich sichtlich wohl miteinander. Auch wenn sie unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen, interessieren sie sich für das Tun des jeweils andern. Versteht Livia eine Äusserung ihres Vaters nicht, fragt sie nach. Sie will genau wissen, was ihr Papa sagt. Umgekehrt äussert sich der Vater wertschätzend zu Livias Schleif-Erfolg: „Hast du schon so viel? Wow!“ Eine Bestätigung für Livia, dass sie etwas erreichen und bewirken kann. Solch anerkennende Botschaften sind ermutigend: Sie stärken nicht nur die Beziehung, sondern sind auch wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes.

Livia steht hoch oben auf dem Treppenstuhl. Hinunterfallen möchte sie da lieber nicht. Dies teilt sie auch ihrem Papa mit. Auch wenn Livia noch nicht in ganzen Sätzen sprechen kann, versteht dieser, was seine Tochter sagen möchte, und bestätigt ihre Aussage („Du musst vorsichtig sein!“). Livia spürt das echte Interesse ihres Vaters an ihren Gedanken und Empfindungen. Oben stehen ist toll, aber gleichzeitig auch ein Abenteuer für das kleine Mädchen. Mehrmals holt und bekommt Livia die Bestätigung, dass sie nicht hinunterfallen sollte.

Es sind solche gemeinsamen Erlebnisse, welche die Beziehung zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen stärken. Denn Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen vertraut sind, sich für sie Zeit nehmen und auf die sie sich verlassen können.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehungen und gemeinschaftliches Lernen (S. 22 ff.); Leitprinzip 1: Physisches und psychisches Wohlbefinden: Ein Kind, das sich wohl fühlt, kann neugierig und aktiv sein (S. 35 ff.); Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.).

Sprachliche Begleitung

Vater und Tochter sind beide in ihre jeweiligen Tätigkeiten vertieft. Und dennoch stehen sie in einem ständigen Austausch miteinander – mit Blicken, mit Worten und mit Gesten. Bereits kann Livia einige Worte sprechen und nutzt diese neu erworbene Fähigkeit, um sich mit dem Vater auszutauschen. Indem der Vater auf Livias Kommentare eingeht und auch eigene Gedanken in Worte fasst („Machen wir noch eins? Nein, brauchen wir nicht.“), unterstützt er Livia im Spracherwerb. Denn die Bereitschaft, sich mitzuteilen und anderen zuzuhören, ist eine zentrale Voraussetzung für eine gelingende Kommunikation. Livia findet am Wort „runterfallen“, das sie inhaltlich stark beschäftigt, auch sprachlich Gefallen. Sie lauscht seinem Klang, spürt, wie es sich auf der Zunge anfühlt und wiederholt es mehrmals.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Selbstvertrauen stärken

Die Werkstatt hat einiges zu bieten: sowohl für den Vater als auch für die Tochter. Der Vater kann seinem Hobby nachgehen und die Tochter ist stolz, dabei sein zu dürfen. Der Vater schliesst sie ein, indem er ihr ermöglicht, bei seinem Tun dabei zu sein und mitzumachen. Livia darf sich einbringen, kann selbständig experimentieren und sich mitteilen. Eine Vielzahl an Lernerfahrungen, die sich ihr eröffnen!

Es ist nicht etwa eine spezielle Werkbank für Kinder, an der Livia mit einer Plastik- oder Holzfeile arbeiten kann. Nein, sie darf an der grossen Werkbank mit einer echten Feile hantieren. Fast wie der Papa. Dieser hat ihr sogar einen Treppenstuhl bereitgestellt, damit sie bequem feilen kann. Schon oft war Livia mit dem Vater in der Werkstatt und konnte Erfahrungen mit verschiedenen Werkzeugen sammeln. Um den Umgang mit potenziell gefährlichen Gegenständen zu lernen, braucht ein Kind die Begleitung eines Erwachsenen, welcher die Sicherheit des Kindes gewährleistet und bei Bedarf Unterstützung leisten kann. Nur so lernt es, Gefahren einzuschätzen und ein Werkzeug richtig zu nutzen. Der Vater kennt Livia und traut ihr zu, mit der Feile umzugehen. Dies ermutigt und bestärkt Livia darin, auch selbst Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu haben. Auch als die Feile hinunterfällt, wissen beide, dass Livia es ganz alleine schafft, diese wieder zu holen. Es selbst zu tun, gibt Livia nicht nur das Gefühl, etwas zu können, sondern eröffnet ihr auch vielfältige Lernmöglichkeiten. So übt sie beim sorgfältigen Hinunterklettern vom Treppenstuhl etwa ihre grobmotorischen Fähigkeiten. Eine knifflige Aufgabe für Livia, die sie selbstbewusst meistert. Solche alltäglichen Herausforderungen bringen Kinder in ihrem Lernen weiter und ermöglichen ihnen Erfolgserlebnisse.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.); Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Game

Von früh auf sind Kinder von Medien umgeben. Sie brauchen Erwachsene, die sich gut damit auskennen. So lernen sie Schritt für Schritt, Medien angemessen zu nutzen und ihre Möglichkeiten zu durchschauen.
Livia / 2 Jahre 1 Monat Mauro / 4 Jahre 3 Monate Lena / 6 Jahre 8 Monate

Umgang mit Medien

Das neue Bilderbuch fesselt die Aufmerksamkeit von Vater und Kindern. Begeistert befolgen sie die Anweisungen und pusten, klatschen und tippen um die Wette. Dies macht nicht nur Spass, sondern prägt auch das Verhältnis der Kinder zum Medium Buch. Sie erleben, dass Bücher im eigenen Kopf und bei den anderen etwas bewirken. Sind die Erinnerungen an gemeinsame „Erzählstunden“ positiv, so können sie auch dazu beitragen, dass die Kinder auch in Zukunft einen freudigen Umgang mit Büchern pflegen und die Freude am Lesen und Schreiben entdecken.

Schon in den ersten Lebensjahren kommen Kinder nicht nur mit Büchern, sondern auch mit verschiedenen anderen Medien in Kontakt. Handy, Computer und Fernseher sind nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Um zu merken, was diese einerseits für Möglichkeiten und Vorteile und andererseits für Risiken und Nachteile mit sich bringen, müssen Kinder die Chance haben, Medien mit ihren verschiedenartigen Angeboten und Anwendungsmöglichkeiten zu erkunden und ihre Vielfalt zu entdecken. Dazu brauchen sie unbedingt die Begleitung und Unterstützung von Erwachsenen. Zusammen mit dem Vater erforschen die drei Kinder nicht nur das Bilderbuch, sondern auch das neue Game und üben sich dabei im Umgang mit dem Tablet. Livia erprobt die Fingerbewegungen, die es braucht, um Dinge auf dem Bildschirm zu verschieben. Und Mauro erfährt, wo er drücken muss, um wieder ins Menu zurückzukommen. Lena ist schon älter und geübter im Umgang mit dem Tablet. Sie kommentiert, was sie macht, und teilt ihre Ideen den jüngeren Geschwistern mit. Ganz nebenbei lernt Livia dabei auch die Farben kennen, welche Lena und Mauro mehrfach benennen.

Der Vater begleitet die Kinder beim Ausprobieren des neuen Spiels. So merkt er, wie Livia, Mauro und Lena damit zurechtkommen, und kann auftauchende Fragen beantworten. Erst als er sicher ist, dass die drei das Game mühelos spielen können, ohne überfordert zu sein, zieht er sich zurück und lässt die Geschwister alleine experimentieren. Dabei bleibt er aber in der Nähe und kann so bei Bedarf jederzeit unterstützend eingreifen. Die erwachsene Bezugsperson ermöglicht den Kindern so einen altersadäquaten Umgang mit Medien.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.); Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Forschen und Entdecken

Was geschieht mit den farbigen Punkten im Bilderbuch, wenn man sie berührt, wegpustet oder laut in die Hände klatscht? Gespannt blättern Vater und Kinder die Seiten um und erfahren so, wie es weitergeht. Plötzlich haben sich die Punkte vervielfacht, fallen fast aus dem Buch oder sind riesengross. Es bereitet sichtlich Freude, selbst etwas zu tun und zu beobachten, was sich verändert. Kinder lernen über Handlungen und Erfahrungen, durch Ausprobieren, Beobachten, Fragen und Wiederholen. So merken sie auch, dass die Zeichnungen in einem Bilderbuch statisch sind, auch wenn es beim Umblättern in diesem Buch auf den ersten Blick scheint, als hätten die Punkte auf die Handlungen der Kinder reagiert. Anders sieht es auf dem Tablet aus, wo die Punkte bei Berührung tatsächlich grösser werden und schliesslich zerplatzen. Der Vater begleitet die Lernprozesse der Kinder. Er moderiert das Entdecken der Kinder, indem er z.B. mit den Kindern darüber spricht, was mit dem Buch und was mit dem Spiel auf dem Tablet möglich ist. Wie jedes Kind die äusseren Impulse und Informationen im Inneren verarbeitet und ordnet, kann er aber nicht beeinflussen. Kinder sind aktive Gestalter ihrer eigenen Bildungsprozesse. Dabei sind sie jedoch auf die Unterstützung und Reaktionen von verlässlichen und aufmerksamen Erwachsenen angewiesen, die ihnen ein aufmerksames Gegenüber und Vorbild sind.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.); Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.).

Gemeinschaftliches Lernen

Die Atmosphäre ist ausgelassen. Vater und Kinder fühlen sich sichtlich wohl und geniessen das Zusammensein. Die 2-jährige Livia gehört ebenso dazu wie der 4-jährige Mauro und die 6½-jährige Lena. Jeder trägt seinen Teil zum gemeinsamen Erlebnis bei. Die älteren Geschwister sind geübter und lassen Livia den Vorrang beim Berühren der Punkte und Umblättern der Seiten. So kann sie sich in der Feinmotorik üben. Lena und Mauro nutzen vermehrt die Sprache, um ihre Handlungen zu kommentieren und mehr über das Spiel und den Umgang mit dem Tablet zu erfahren („Muss man auf beide Punkte drücken?“, „Wo genau muss man den Bildschirm berühren?“). Trotz des unterschiedlichen Alters kann so jedes der drei Kinder vom Spiel profitieren und etwas Neues dazulernen.

Eines aber wissen bereits alle drei Geschwister: Um gemeinsam zu experimentieren und etwas Neues auszuprobieren, muss man auf sein Gegenüber Rücksicht nehmen. Beispielsweise gilt es, einen Platz zu finden, von dem aus jeder das Bilderbuch und das Tablet sieht, ohne dadurch den anderen die Sicht zu versperren. Um zu verstehen, was die anderen sagen, muss man sich beim Sprechen und Zuhören abwechseln. Würden alle gleichzeitig miteinander sprechen, könnte man nicht mehr verstehen, was die anderen sagen. Und damit alle sich am Game beteiligen können, müssen sie nahe genug am Geschehen sein, um den Bildschirm berühren zu können. Dies alles wissen die Kinder nur deshalb, weil sie es schon in vielen verschiedenen Situationen erlebt und viele Male geübt haben.

Für Kinder ist es wichtig, dass sie die Möglichkeit erhalten, in stabilen, konstant bleibenden Gruppenzusammensetzungen mit vertrauen Personen Erfahrungen zu machen. So können sie sich in den grundlegenden Kompetenzen der Kommunikation und im Zusammenspiel üben: reden und zuhören, fragen und Unterstützung holen, helfen und erklären können. In der Gemeinschaft mit anderen lernen Kinder auch, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen und die Sichtweise des Gegenübers zu sehen und zu respektieren. Diese grundlegenden Sozialkompetenzen bauen Kinder bereits in den ersten Jahren auf.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehungen und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 f.); Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Gemüse

„Messer, Gabel, Schere, Licht – sind für kleine Kinder nicht!“, sagt der Volksmund. Falsch! Auch kleine Kinder können mit Erwachsenen lernen, wie man richtig mit Messer, Gabel, Schere und Licht hantiert.
Livia / 1 Jahr 6 Monate Mauro / 3 Jahre 9 Monate

Herausforderungen

Livia lernt in einer für sie angemessenen Art und Weise das Schneiden der Gurke und den Umgang mit einem scharfen Messer. Behutsam begleitet die Mutter Livia beim Schneiden. Livia darf das Messer und die Gurke selbst halten, doch die Mutter führt das Messer. So erlebt Livia hautnah, wie Gurken geschnitten werden und wie sich das Führen des Messers anfühlt. Gleichzeitig ist ihre Sicherheit zu jedem Zeitpunkt gewährleistet. Livia wird dabei herausgefordert. Das Schneiden ist eine Tätigkeit, die sie noch nicht selbständig durchführen kann. Doch dank der Begleitung durch die Mutter ist Livia nicht überfordert. Dadurch wird diese Situation zur Lernsituation, in der Livia profitieren kann.

Anders ist es bei Mauro. Er hat schon viele solche Erfahrungen sammeln können und kann schon selbständig mit dem Schäler hantieren. Gewissenhaft übt er seine Fertigkeiten beim Karottenschälen – er achtet ganz genau darauf, dass kein Stückchen Schale übrig bleibt. Gleichzeitig schaut er aber auch immer wieder neugierig zu seiner jüngeren Schwester.

Einerseits brauchen Kinder neue Erfahrungsmöglichkeiten. Dies bedeutet, den Kindern auch etwas zuzutrauen. Andererseits ist es Aufgabe der Erwachsenen, den Kindern Schutz und Sicherheit zu bieten. Um hier einen guten Mittelweg zu finden, bedarf es des genauen und einfühlsamen Beobachtens und manchmal auch etwas Zuversicht: Was kann das Kind schon? Welches Vorwissen hat es und welche Erfahrungen bringt es mit? Wie kann der nächste Schritt aussehen? Wie würde das Kind reagieren, wenn es doch über- oder unterfordert wäre?

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Teilhaben und mitwirken

Die Mutter bezieht die Kinder beim Vorbereiten des Mittagessens mit ein. So schafft sie eine wichtige Lerngelegenheit für die Kinder. Die Kinder freuen sich, dass sie mithelfen dürfen. Denn Kinder wollen sich beteiligen und einen Beitrag für die Gemeinschaft – hier die Familie – leisten. Sie erhalten das Gefühl, dass sie gebraucht werden, etwas bewirken können und für die Familie wichtig sind. Indem die Mutter die notwendige Haushaltsaufgabe mit der Betreuung der Kinder verbindet, dauert es zwar etwas länger. Doch werden die Kinder in ihrer Selbständigkeit gefördert. Langfristig kann dies zu einem partnerschaftlichen Erledigen der Hausarbeit führen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Sprachliche Begleitung

Die Mutter kommentiert das gemeinsame Schneiden mit Livia auf eine Art und Weise, die sie gut versteht. So unterstützt sie Livia entwicklungsangemessen beim Erlernen der Sprache. „Aber jetzt müssen wir auf die Finger aufpassen.“ Diesen Satz sagt die Mutter zu Livia, aber vermutlich auch zu sich selbst. Für Kinder ist es wichtig, dass Erwachsene mit ihnen sprechen und auch ihre Gedanken in Worte fassen. So lernen Kinder an deren Beispiel, die eigene Aufmerksamkeit zu lenken und eins nach dem anderen zu tun.

Zudem wird das Wort „Schneiden“ von der Mutter und von Livia abwechslungsweise wiederholt. Indem die Mutter Livias Worte aufgreift und wiederholt, erhält Livia ein unmittelbares Feedback auf ihre Äusserungen und erlebt, was sie selbst verbal produziert hat. Die Aktivität des Schneidens wird ausserdem rhythmisch untermalt, was bestens zum Erwerb der Fertigkeit passt.

Die Wiederholung selbst ist eine zentrale Lernstrategie von kleinen Kindern. Das Wort „Schneiden“ wird so im Gedächtnis verankert und gleichzeitig mit der Tätigkeit des Schneidens in Verbindung gebracht.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Respektvolle Botschaften, Ermutigungen und Anteilnahme

Mauro schaut für einen Moment zu, wie Livia und die Mutter die Gurke schneiden. Er ist beeindruckt und äussert seine Bewunderung: „Livia macht es mega gut.“ Auch das kleine Wort „Super“ der Mutter gibt Livia zu verstehen, wie gut sie es macht und dass sie so weitermachen kann. Positive, aufrichtige Rückmeldungen sind für Kinder wichtig, besonders, wenn sie von bedeutungsvollen Personen stammen. Kinder nehmen generell sehr nuanciert wahr, was die Erwachsenen beachten oder ignorieren, billigen oder missbilligen. Kinder orientieren sich an den Äusserungen der Erwachsenen und ordnen so ihr eigenes Tun ein. Dies kann über sprachliche Kommentare und über Verhaltensweisen geschehen. Die Mutter drückt einerseits ihr Lob sprachlich aus, aber auch durch ihre Aufmerksamkeit und das kontinuierliche Schneiden bekommt Livia Feedback. Respektvolle Botschaften, Ermutigungen und aufrichtige Anteilnahme sind für die personale Entwicklung von Kindern sehr wichtig. Sie helfen Kindern, sich über ihr Tun und ihre Entdeckungen zu freuen, Neues zu wagen und zu üben.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.).

Gespräch

Gegenseitige Erkundungen sind Gold wert. Es braucht viele solcher Begegnungen, um sich auf vielfältige Weise ausdrücken zu lernen. So können sich Kleinkinder später in andere eindenken und einfühlen.
Pia / 11 Monate Enzo / 12 Monate

„Hundert Sprachen“ der Kinder

Pia reicht die kleine Holzleiter in die Richtung von Enzo und dieser nimmt sie. Daraufhin bewegt Pia ihre Arme nach oben und unten, lässt ihre Lippen vibrieren, erhöht ihre Stimmlage, richtet ihren Körper auf und greift mit ihren Händen nach Enzo. Das kleine Mädchen nutzt hier viele Ausdrucksformen, um sich mitzuteilen. Was in ihr vorgeht, kann nur vermutet werden. Doch es sieht deutlich danach aus, dass sie nicht zufrieden damit war, dass Enzo die Leiter an sich genommen hat. Enzo bleibt dagegen entspannt und lässt sich von seinen Erkundungen nicht abbringen. Ausserdem scheint die Leiter für ihn gar nicht so wichtig zu sein, schnell lässt er sie wieder neben sich liegen. Jetzt hat Pia etwas Neues entdeckt. Ein Nuggi liegt vor ihr, den sie nun genauer betrachten möchte. Doch auch Enzo hat daran Interesse. Sogleich nimmt er ihn und steckt ihn in seinen Mund. Pia dagegen lässt sich so schnell nicht von ihrer Neugierde abbringen. Sie nimmt den Nuggi einfach direkt aus Enzos Mund. Auch jetzt reagiert Enzo sofort und holt ihn sich zurück, sodass Pia mit leeren Händen dasitzt. Sie zieht sich zurück, äussert Laute, schwenkt noch einmal die Arme hinauf und hinunter, wendet sich wieder der Holzleiter zu, wirft einen Blick in die Umgebung und krabbelt davon.

Was hier in wenigen Sekunden passiert, kann als ein intensives Gespräch zwischen den beiden Kleinkindern bezeichnet werden – auch wenn es nicht zu direkter sprachlicher Kommunikation kommt. Anhand von Bewegungen mit den Armen und Händen, mit der Haltung des Körpers, mit Gesichtsausdrücken und Lauten sowie mit Gesten, wie z.B. dem Wegnehmen oder Verteidigen von Gegenständen, teilen sich die beiden gegenseitig mit, was ihr Interesse geweckt hat, was sie in diesem Moment möchten und was nicht. Auf diese Art und Weise nutzen junge Kinder all ihre Möglichkeiten, um sich auszudrücken und mitzuteilen. Die Rolle der Erwachsenen ist dabei erstens, solche Situationen zu ermöglichen, und zweitens, die vielseitigen Ausdrucksformen bei Kindern wahrzunehmen, ihnen Beachtung zu schenken und angemessen darauf zu reagieren.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Im Austausch mit anderen ein Ich-Bewusstsein entwickeln

Pia und Enzo zeigen hier deutlich, was sie wollen und was sie nicht wollen. Pia ist aufgebracht, dass Enzo ihr die Holzleiter, die sie so interessiert, aus der Hand genommen hat. Enzo verteidigt seinen Nuggi. Anhand solcher Begegnungen lernen die beiden Kinder Schritt für Schritt, zwischen sich und anderen zu unterscheiden, sich in andere einzufühlen und später, sich in andere hineinzudenken. So erwerben sie mit der Zeit im nonverbalen, vorverbalen und später im verbalen Austausch ein Ich-Bewusstsein sowie nach und nach eine Vorstellung darüber, was in anderen vorgehen könnte. Diese Entwicklungsschritte sind die Grundlagen für Einfühlungsvermögen, empathisches Verhalten, Rücksichtnahme und Durchsetzungsvermögen. Auch erste Anzeichen von Konfliktfähigkeit sind zu erkennen. Im beobachteten Beispiel vertreten beide Kinder ihr eigenes Interesse (Leiter bzw. Nuggi), während das jeweils andere nachgibt. Es braucht aber noch viele solcher Auseinandersetzungen, bis die Kinder in der Lage sind, ihre eigenen Anliegen zu vertreten, ohne dem anderen Schaden zuzufügen, und gemeinsam Kompromisse auszuhandeln. Es braucht unzählige alltägliche Erfahrungen, um beides zu lernen: nachzugeben und sich durchzusetzen. Sie sind die Grundlage dafür, dass Kinder das Prinzip von Geben und Nehmen verstehen und später ihre „Spielregeln“ untereinander aushandeln lernen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Guezli

Kinder brauchen eine anregende Lernumgebung. So können sie ihren Interessen nachgehen und ihre eigenen Ideen entwickeln und verwirklichen.
Paolo / 4 Jahre 1 Monat Nevin / 4 Jahre 4 Monate

Ganzheitliches Lernen

Kinder versuchen vom ersten Tag an, die Zusammenhänge der Welt um sie herum zu „be-greifen“. Sie nutzen dabei all ihre Energie und alle Sinne. Genau das tun hier Meret, Anna, Paolo und Nevin. Sie fühlen, riechen und betrachten die verschiedenen Materialien zum Dekorieren des Backwerks und probieren aus, wie sie zueinander passen. Dabei erfahren sie einiges über die Beschaffenheit der Zutaten – beispielsweise, dass der Zuckerguss am Pinsel klebt und mit der Zeit an der Luft hart wird. Sie können auch beobachten, wie aus den einzelnen Materialien am Ende viele kleine Meisterstücke werden. Wenn die Kinder das nächste Mal fertige Guezli sehen, dann können sie sich gut vorstellen, wie diese entstanden sind. Um solche Zusammenhänge nachvollziehen zu können, müssen sie Kleinkinder selber erlebt haben. Neben der Materialkunde und dem Lernen von Abläufen üben sich die Kinder aber auch im sozialen Handeln und erweitern im Gespräch miteinander ihre sprachlichen Fähigkeiten. Vieles passiert hier auf einmal. Die buntverzierten Guezli sind zwar das Ziel der Kinder, aber der Weg dorthin ist bereichernd und macht mindestens so viel Spass wie das Ergebnis.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.); Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen.

Anregungsreiche Lernumgebung

Die Erzieherinnen haben den Kindern verschiedene Zutaten zum Verzieren der gemeinsam gebackenen Guezli bereitgestellt. Die Kinder finden vieles vor, was ihre Kreativität anregt und das Mittun spannend macht. Die Materialien geben den Kindern die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu sammeln. Meret, Anna, Paolo und Nevin nutzen die Gelegenheit und widmen sich vertieft ihrer Aufgabe. Niemand gibt ihnen vor, wie die Guezli am Schluss auszusehen haben. Die Kinder können ihrer Fantasie freien Lauf lassen und mit den Dingen nach Lust und Laune experimentieren. Ohne Vorgaben ist es den Kindern möglich, Ideen zu entwickeln und Neues auszuprobieren.

Die Materialien und die Art, wie sie bereitgestellt sind, sind kindgerecht: ein kleiner Tisch, an dem die Kinder gut sitzen können. Ungefährliche Utensilien, mit denen die Kinder auch alleine, ohne die ständige Beaufsichtigung durch Erwachsene, hantieren können. Eine überschaubare Gruppe, in der ein gemeinsames Tun und ein Austausch zwischen den Kindern möglich sind. So wurde von den Erzieherinnen eine Ausgangslage geschaffen, in der die Kinder Anregungen für eine Beschäftigung erhalten, aber dennoch ihrer Eigeninitiative nachgehen können.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Gemeinschaftliches Lernen

Jedes der vier Kinder verziert selbständig und für sich allein die Guezli. Doch diese Tätigkeit fordert von den Kindern auch viel Gemeinschaftsarbeit. Um an die gewünschten Zutaten zu kommen und die eigenen Ideen zu verwirklichen, müssen die vier Kinder miteinander verhandeln, sich absprechen und sich gegenseitig helfen. Anna gibt Meret neue Guezli und reicht ihr die Schale mit dem Zuckerguss. Paolo weist Meret darauf hin, dass sie fragen kann, wenn sie noch weitere Zutaten benötigt. Er bietet ihr dadurch indirekt seine Hilfe an. Gerne reicht Paolo die Schokoladenstreusel weiter. Er braucht sie ja nicht mehr, doch Nevin braucht sie noch. Dadurch entsteht ein kleiner Konflikt, den Paolo sofort löst, indem er Nevin eine Alternative aufzeigt: „Ja, man kann doch Smarties nehmen.“ So üben sich die Kinder im sozialen Umgang miteinander.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehung und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.).

Hände

In der Gemeinschaft mit anderen lernen Kinder, zusammen Probleme zu lösen, sich in andere zu versetzen und Verantwortung zu übernehmen. Dafür brauchen sie das Vorbild der Erwachsenen.
Leyna / 1 Jahr 10 Monate Lara / 2 Jahre 11 Monate

Gemeinschaftliches Lernen

Als Leyna hinfällt, ist Lara sofort zur Stelle, um ihr zu helfen. Lara scheint genau zu wissen, was jetzt zu tun ist. Erst säubert sie fürsorglich die Hände und den Mund von Leyna. Dann hilft sie der Freundin beim Aufstehen. Wahrscheinlich hat sie diese Handlungen bei den Erwachsenen gesehen. Was sie selbst beobachtet und wohl auch erfahren hat, gibt sie nun an Leyna weiter und übt dabei ihre sozialen Fähigkeiten. Sie zeigt Empathie und übernimmt Verantwortung für das ein Jahr jüngere Mädchen.

Kinder lernen viel voneinander. Bei einem Altersunterschied können Kinder beidseitig voneinander profitieren. Das Zusammensein mit anderen Kindern bietet andere Möglichkeiten als mit Erwachsenen, da diese Kontakte tendenziell bezüglich Lebenserfahrung, Wissen und Fähigkeiten ausgeglichener sind. Kinder, die sich vertraut sind und sich mögen, teilen viele gelungene und misslungene Interaktionen und können so soziales Verhalten erproben. Dennoch bedarf es immer einer erwachsenen verfügbaren Bezugsperson in der Nähe, welche die Kinder „im Auge behält“ und dafür sorgt, dass die Situation die Kinder nicht überfordert und für sie überschaubar bleibt.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehung und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.); Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Herausforderungen

Die kleinen Kinder gehen gemeinsam über den unebenen Waldboden – ein gutes Übungsterrain für Motorik und Koordination. Keine einfache Aufgabe jedoch, hier das Gleichgewicht zu halten. Und prompt fällt Leyna hin. Sie schafft es anscheinend nicht, alleine aufzustehen. Und auch für Lara ist es nicht so einfach, der jüngeren Freundin zu helfen. Die nächste Herausforderung, welche die zwei kleinen Mädchen angehen. Lara kommt auf die Idee, ihren Kessel abzulegen und beide Hände zu nutzen. Erst so gelingt das Aufstehen. Gemeinsam haben die beiden Mädchen die Herausforderung gemeistert, und dies ohne das aktive Mitwirken eines Erwachsenen. Doch die Kinder wissen: Hätten sie zusätzliche Hilfe benötigt, so wären verlässliche Bezugspersonen in der Nähe gewesen – dies gab ihnen die Sicherheit, es selber zu versuchen.

Kinder brauchen Herausforderungen, um neue Lösungswege zu suchen, um Sachen auszuprobieren und somit Neues zu lernen. Die Rolle des Erwachsenen ist dabei einerseits, diese Gelegenheiten zu ermöglichen, andererseits auch, dafür zu sorgen, dass Kinder nicht überfordert sind.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

„Hundert Sprachen“ der Kinder

Kleine Kinder verständigen sich in vielfältigen Formen. Sie nutzen „hundert Sprachen“, um ihre Bedürfnisse, ihre Gefühle und Gedanken, ihre Ideen und Pläne, ihre Fragen und Antworten mitzuteilen. Leyna und Lara sprechen in dieser Szene kaum ein Wort miteinander. Dennoch scheinen die beiden Mädchen sich sehr gut zu verstehen. Als Leyna wieder aufstehen möchte, streckt sie Lara ihre Hand entgegen. So vermittelt sie ihrer Freundin: „Bitte hilf mir beim Aufstehen.“ Auch, als die Unterstützung zuerst nichts nützt, reicht ein kurzer, hilfesuchender Blick zu Lara, um sich zu verständigen. Als es dann geschafft ist, gehen sie Hand in Hand weiter – ein unausgesprochenes Zeichen ihres gemeinsamen Erfolgs und ihrer Zusammengehörigkeit.

Im regelmässigen Austausch mit anderen Kindern lernen Leyna und Lara, zwischen ihren eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Gedanken und denen von anderen zu unterscheiden. Dies sind wichtige Voraussetzungen, damit sie Einfühlungsvermögen, empathisches Verhalten und Rücksichtnahme (weiter)entwickeln können.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Holzfrucht

Kleinkinder können sich dann in etwas vertiefen, wenn sie sich sicher und geborgen fühlen, weder Hunger noch Durst haben, bequem gekleidet und ausgeschlafen sind.
Kristóf / 9 Monate

Lernen mit allen Sinnen

Beim Ertasten mit Händen und Mund erfährt Kristóf, wie sich das glatte Holz und der raue Klettstreifen anfühlen. Er spürt das Gewicht in seinen Händen und merkt, dass die Frucht davonrollen kann. Er hört den Klang, den die Holzfrucht macht, wenn sie auf den Boden schlägt. Auf dem Parkett tönt es anders als auf dem Teppich. Die Frucht lässt sich mit einer oder mit beiden Händen halten. Sie kann auf dem Bauch oder dem Rücken liegend erkundet werden. Auch die eigene Stimme hört Kristóf, wenn er seine Erkundungen mit Lauten begleitet. Er lernt, indem er vielfältige Wahrnehmungen, die er durch seinen Körper und all seine Sinne erfährt, verarbeitet. Er ist motorisch, emotional und geistig aktiv.

Zwischendurch wandert sein Blick zu der Mutter und den Brüdern. Auch die Kamera nimmt er wahr. Doch er ist so vertieft in seine Erkundungen, dass er sich weder durch das Geschehen um ihn herum, noch durch das Davonrollen der Holzfrucht davon abhalten lässt. Von Geburt an versuchen Kinder mit all ihrer Energie und mit allen Sinnen, die Zusammenhänge der Welt um sie herum zu „be-greifen“. Mit welcher Freude und wie motiviert sie dies tun, wird an Kristófs zufriedenem und konzentriertem Gesichtsausdruck deutlich.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.); Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Physisches und psychisches Wohlbefinden

Faszinierend, wie ausdauernd und konzentriert Kristóf die Holzfrucht erkundet. Er wirkt ausgeruht und zufrieden. Seine körperlichen Bedürfnisse sind gestillt: Er ist ausgeschlafen, fühlt sich satt, hat saubere Windeln an und ist so angezogen, dass er weder zu warm noch zu kalt hat. Zudem hat er in den praktischen Kleidern genügend Bewegungsfreiheit, um sich zu drehen und zu kriechen, ohne dass es irgendwo drückt oder ihn einengt. Kristóf fühlt sich sichtlich wohl in der vertrauten Umgebung. Die Stimmen seiner Mutter und der Brüder geben ihm die nötige Sicherheit, um sich vertieft seinem Spiel zu widmen. Er weiss: „Wenn ich sie brauche, ist meine Mama für mich da.“ Diese Sicherheit ist es, die es Kristóf ermöglicht, seinem Bedürfnis nach Autonomie und nach Anregung nachzugehen und die Holzfrucht ausgiebig zu erkunden.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 1: Physisches und psychisches Wohlbefinden: Ein Kind, das sich wohl fühlt, kann neugierig und aktiv sein (S. 35 f.).

Anregungsreiche Lernumgebungen

Noch interessiert sich Kristóf nicht dafür, was genau dieser rote, halbrunde Gegenstand mit der glatten Oberfläche darstellt. Und die Mutter hat erkannt, dass die Holzfrucht sich nicht nur für das Rollenspiel der älteren Söhne eignet, sondern auch für Kristóf spannend zu erkunden ist. Die Frucht hat keine gefährlichen Kanten und Ecken und lässt sich nicht verschlucken. Dafür bietet sie viele interessante Eigenschaften wie etwa die Rundungen, die sie rollen lassen, den Klettverschluss, der einen Kontrast zu der glatten Holzoberfläche bietet, oder die knallrote Farbe, welche Kristóf ebenfalls anzusprechen scheint. Die Frucht liegt in seinem Blickfeld auf dem Boden, wo er sie gut erreichen kann. Zudem ist genügend Platz vorhanden, damit er sich auf den Rücken drehen oder der wegrollenden Frucht auf allen Vieren nachkriechen kann. Eine anregende und sichere Lernumgebung, die Kristóf das vertiefte Erkunden und Experimentieren ermöglicht!

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebungen gestalten (S. 52 ff.).

Jet

Das Rollenspiel macht`s möglich, ein anderer als sich selbst zu sein. Das eröffnet viele sprachliche und soziale Perspektiven. Und es hilft, Beobachtetes zu verstehen und zu teilen.
Raphael / 3 Jahre 2 Monate Mara / 3 Jahre 2 Monate

Gemeinschaftliches Lernen

Frühkindliche Bildungsprozesse vollziehen sich im Dialog mit anderen. In sozialen Interaktionen konstruieren sich Kinder ein vielschichtiges und ganzheitliches Bild von der Welt. Mara und Raphael lernen im gemeinsamen Rollenspiel viel voneinander und miteinander. Raphael weiss schon einiges über Flugzeuge und das Fliegen. Er weiss z.B., dass manche Flugzeuge Jet genannt werden, dass die Person, die vorne sitzt, das Flugzeug steuert, und dass man sich beim Fliegen anschnallen muss. Dieses Wissen wendet Raphael im Spiel an, verfestigt es und gibt es mit Anweisungen im Spiel an Mara weiter. Auch finden sie gemeinsam heraus, dass Äste unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten haben. Man kann diese auch sehr gut zum Flugzeugbauen nutzen.

Beim gemeinsamen Spielen probieren die beiden Kinder ihre Rollen untereinander aus. Raphael äussert seine Idee, einen Jet zu bauen – er ist der „Geschichtenerzähler“, der mehrheitlich bestimmt, was passiert. Ausserdem nimmt er die Rolle des Piloten – eine Führungsrolle – ein, während Mara eher hinten sitzen möchte. Gleichzeitig wird an Raphaels Fragen deutlich, dass er sich auch für die Ideen von Mara interessiert. Immer wieder bezieht er sie in das Spielgeschehen ein. Die Perspektivenübernahme und das Eingehen aufeinander zeigt Raphael auch in einer anderen Situation. Während es für ihn wichtig ist, den Jet genau zu benennen, möchte Mara endlich losfliegen. Raphael geht auf ihren Wunsch ein und schon geht es los. Eigene Wünsche und Bedürfnisse zu äussern und im Gegenzug die Wünsche und Bedürfnisse der anderen zu respektieren, sind wichtige Komponenten von sozialer Kompetenz. Sie lassen sich nur in sozialen Interaktionen üben und erwerben. Raphael bringt sein Wissen ins Spiel mit ein und gleichzeitig kooperiert er mit Mara. Im Weiteren übt er, Verantwortung für andere zu übernehmen. So muss er als Pilot Sorge tragen, dass seine Passagierin angeschnallt ist, damit ihr beim Fliegen nichts passiert. So können im Rollenspiel viele soziale Fähigkeiten gefestigt und erweitert werden.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehung und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.).

Rollenspiel

Raphael weiss schon sehr viel über Flugzeuge und das Fliegen. Wahrscheinlich hat er, weil sich die Kita in der Nähe des Flughafens befindet, schon viele Flugzeuge beobachtet. Vielleicht ist er sogar selbst schon geflogen und möchte nun dieses Erlebnis mit Mara nachspielen und teilen. Im Rollenspiel verarbeiten und verinnerlichen Kinder Erlebtes, Gesehenes und Gehörtes aus ihrem Alltag. Sie entwickeln dabei ein Verständnis für die Welt der Erwachsenen. Sie vollziehen Abläufe nach und entdecken logische Zusammenhänge.

Im Spiel können die Kinder Rollen einnehmen, die sie im realen Leben meist (noch) nicht ausfüllen können. Egal ob Löwe, Indianer, Prinzessin, Mutter und Vater, Ärztin und Patient... alles ist möglich. Raphael ist heute ein Pilot und Mara die Passagierin. Durch das Hineinschlüpfen in verschiedene Rollen nehmen die Kinder verschiedene Sichtweisen ein. Die Übernahme anderer Perspektiven wird trainiert. Diese Fähigkeit brauchen wir, um uns in andere einfühlen und hineinversetzen zu können.

Indem die Kinder so tun, als ob sie jemand anderes wären, können sie sich mit den Fragen auseinandersetzen, wer sie sind und wer sie sein möchten. Welche Eigenschaften und Aufgaben hat ein Pilot? Könnte sich Raphael vorstellen, vielleicht später einmal ein richtiger Pilot zu sein? So entwickelt und festigt er seine eigene Identität.

Im gemeinsamen Spiel nutzen Mara und Raphael auch die Metakommunikation, das heisst, sie vereinbaren miteinander, was gespielt werden soll. Erst einmal muss geklärt werden, dass sie ein Flugzeug bauen wollen, was für eines es ist und wie es heisst. Als das Flugzeug dann fertig ist, klären die beiden, wer wo sitzt. Immer wieder wird dem jeweils anderen mitgeteilt, was gerade passiert: „Jetzt fliegen wir. Jetzt haben wir die Rädchen draussen. Jetzt haben wir die Rädchen drinnen!“ Dabei haben die Kinder genaue Vorstellungen über den Ablauf des Fliegens. Die gedanklichen Abläufe, welche im Rollenspiel angewendet werden, sind bedeutsam für die Entwicklung von Planungsfähigkeit. Im Gespräch miteinander stimmen sich Mara und Raphael ab und entwickeln gemeinsam die Geschichte weiter.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.); Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Anregungsreiche Lernumgebung

Der Wald ist ein wunderbarer Lernort. Er bietet den Kindern unzählige Spiel- und Entdeckungsmöglichkeiten. Gerade, weil es keine vorgefertigten Spielzeuge bzw. Materialien gibt, welche vorbestimmte Verwendungszwecke haben, können alle Orte und Dinge im Wald für Kinder spannend werden. Eine Lichtung wird zur Rennstrecke, eine Ansammlung von Pilzen wird zum Forschungslabor, ein Haufen Äste und Zweige wird zur Baustelle, ein grosser Stein wird zur Küche, ein Baumstumpf wird zum Beobachtungsturm, eine Blumenwiese wird zur Schmuckwerkstatt, ein paar umgestürzte Bäume werden zum Hindernisparcours, ein Blätterdach wird zur Kuschelhöhle und ein paar Stöcke auf dem Boden werden zu einem Flugzeug. So hat jedes Kind die Möglichkeit, seinen Interessen und Ideen nachzugehen, kreativ zu sein sowie vielseitige Erfahrungen zu sammeln. Mara und Raphael nutzen die Zeit im Wald, um mit ihrem Jet eine Runde zu fliegen. Dafür brauchen sie nur sich selbst, ein paar Stöcke, etwas Platz und Phantasie. Wichtig für die Kinder ist darüber hinaus die Gewissheit, dass sie Zeit für ihr Spiel haben und dass vertraute Personen in der Nähe sind, die ihnen Sicherheit geben. Die Erwachsenen sind einerseits verfügbar, falls die Kinder Hilfe einfordern. Andererseits beobachten sie die Kinder und unterstützen sie bei Bedarf mit neuen Ideen bzw. Impulsen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Ketchup

Widerstände gehören zum Leben und zum Lernen. Wenn Kinder Zeit und Gelegenheit bekommen, sie selber zu überwinden, werden sie sicher und selbstbewusst.
Irem / 2 Jahre 11 Monate Ilke / 4 Jahre 10 Monate

Herausforderungen

Der Alltag birgt immer wieder kleine Hürden. Hier will der Deckel einfach nicht auf die Ketchupflasche passen. Irem zweifelt daran, ob sie es schaffen kann. Doch die Mutter ermutigt sie und lässt Irem das Problem selbst lösen. Sie hat eine Lerngelegenheit für ihre Tochter erkannt. Sich mit solchen alltäglichen Herausforderungen auseinanderzusetzen, ist für Kinder wichtig. Logisches Verstehen, Geschicklichkeit und Geduld muss Irem aufbringen, um den Deckel auf die Flasche zu stecken. Keine einfache Aufgabe für sie. Die Mutter ermöglicht dem Mädchen, es in Ruhe zu probieren, und gibt ihm mit Worten Hilfestellung („Bring die Öffnungen übereinander!“). Das Handeln der Mutter zeigt eine gesunde Balance zwischen Unterstützung und Anregung des eigenen Tuns des Kindes, zwischen Hilfestellung und Zurückhaltung. Das Lernen von Kindern geschieht über Handlungen und Erfahrungen. Indem Irem den Deckel selbst schliesst, kann sie mehr profitieren, als wenn es ihr die Mutter abnehmen würde. Für Bezugspersonen von Kleinkindern ist es dabei wichtig, eine Haltung einzunehmen, die auch Fehlern einen Platz im Lernprozess einräumt und sie als Chance zur Verbesserung erachtet.

Dann hat es „klick“ gemacht, der Deckel ist endlich drauf. Irem ist sichtlich stolz über ihren Erfolg. Mit einem grossen Strahlen im Gesicht reicht sie die Ketchupflasche ihrem Bruder. Weil es Irem fast ganz allein geschafft hat und weil der Weg zum Ziel nicht einfach war, ist das Erfolgserlebnis für Irem umso grösser. Das stärkt sie und verleiht ihr bei der nächsten Hürde mehr Vertrauen in sich selbst.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Respektvolle Botschaften, Ermutigungen und Anteilnahme

Irem traut sich zuerst nicht zu, die Schwierigkeit – den Deckel auf die Ketchupflasche zu stecken – selbst zu meistern. Immer wieder äussert sie ihre Bedenken: „Mama, ich kann es nicht.“ Hilfesuchend schaut Irem zu ihrer Mutter. Doch statt die Flasche selbst zu schliessen, erklärt die Mutter ihrer Tochter, wie es funktioniert. Während Irem Selbstzweifel hat, hat die Mutter vollstes Vertrauen, dass Irem mit etwas Unterstützung das Problem lösen kann. Indem die Mutter sich zurückhält und nur mündlich Tipps gibt, gibt sie Irem zu verstehen, dass sie es schaffen kann. Irem fühlt sich ermutigt und probiert es weiter. Als es dann endlich funktioniert, freut sich die Mutter gemeinsam mit Irem. „Jetzt hat es geklappt“, sagt sie zu ihrer Tochter mit einem liebevollen Lächeln. Respektvolle Botschaften, Ermutigungen und Anteilnahme unterstützen den allmählichen Aufbau eines positiven und zugleich realistischen Selbstkonzepts des Kindes und sind somit bedeutend für die personale Entwicklung.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.).

Koffer

Wenn Kinder miteinander vertraut sind, erproben sie unermüdlich und vieles auf einmal: sich zu verständigen und einander zu verstehen, sich Hilfe zu holen und einander zu helfen.
Nils / 3 Jahre 6 Monate Tim / 3 Jahre 5 Monate

Miteinander vertraut sein

Tim und Nils kennen sich, seit sie wenige Monate alt waren. Auch ausserhalb der Spielgruppe verbringen sie viel Zeit miteinander. Die beiden Freunde sind ein eingespieltes Team. Sie tauschen Informationen aus, einigen sich, was sie spielen möchten, und helfen einander in schwierigen Situationen. Nils und Tim sind sichtlich vertraut miteinander und fühlen sich wohl in der Gesellschaft des jeweils anderen. Unter diesen Voraussetzungen fällt es leicht, einander um Hilfe zu bitten, eigene Vorschläge einzubringen und auf die Ideen des Gegenübers einzugehen. So zögert Nils nicht, Tim um Hilfe beim Schliessen des verflixten Reissverschlusses am Koffer zu bitten. Tim seinerseits hilft ganz selbstverständlich und bittet Nils ebenfalls um Unterstützung. Doch auch so funktioniert es nicht ganz mit dem Schliessen des Deckels. Beide erkennen das Problem. Jeder der beiden bringt nun Vorschläge ein, was man aus dem Koffer herausnehmen könnte, um es zu lösen.

In der Geborgenheit einer Freundschaftsbeziehung können viele soziale Kompetenzen in vielfältigen Interaktionen ausprobiert werden. Das Gelernte wird später auf andere Beziehungen und Situationen übertragen. Kinder lernen, sich durchzusetzen, aber auch, auf andere Rücksicht zu nehmen, die eigenen Interessen zu vertreten und Kompromisse einzugehen. Die Spielgruppe bietet den beiden Buben eine sichere Umgebung, um sich in ihr Spiel zu vertiefen. Die Räumlichkeiten sind ihnen vertraut und die Spielgruppenleiterin ist in der Nähe. Sie kann Unterstützung geben, falls die Kinder sie anfordern oder falls sie eine Überforderung der Kinder wahrnimmt. So können die Freunde unermüdlich soziales Verhalten erproben.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Gemeinschaftliches Lernen

Das gemeinsame Ziel ist klar: Tim und Nils wollen zusammen in die Ferien reisen. Doch das Kofferpacken birgt seine Tücken. Zusammen gilt es nun, eine Lösung für die auftretenden Probleme zu finden. Was könnte man aus dem Koffer herausnehmen, damit er sich schliessen lässt? Das Baby muss raus und trotzdem darf es nicht zurückbleiben. Hat es im anderen Koffer Platz? Im Austausch miteinander erkennen die beiden Freunde das Problem und suchen nach möglichen Lösungen (Ko-Konstruktion). Jeder trägt seinen Teil dazu bei und lernt viel dabei: gemeinsam Pläne zu schmieden und umzusetzen, eigene Vorschläge einzubringen und jene des andern in Betracht zu ziehen, Herausforderungen zu begegnen und anzunehmen, Prioritäten zu setzen – hier bei den Dingen, die mit in die Ferien sollen oder zu Hause bleiben können – sowie eine Tätigkeit zu unterbrechen und eventuell später wieder aufzunehmen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehungen und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.).

Rollenspiel

Gemeinsam mit ihren Familien in die Ferien reisen. Das kennen Tim und Nils. Bestimmt haben sie auch schon den Eltern beim Packen der Koffer zugeschaut und durften vielleicht sogar selber mithelfen. Was muss mit und was kann zu Hause bleiben? Dies muss sorgfältig überlegt und geplant werden.

Im Gruppenraum der Spielgruppe stehen Koffer, Puppen, Kleider und verschiedene Alltagsutensilien für das Rollenspiel bereit. So können Tim und Nils nachspielen, was sie im Alltag selbst schon erlebt haben. Sie schlüpfen in die Rolle von Erwachsenen und planen die Familienferien mit dem Baby. Beim gemeinsamen Überlegen, was mit in die Ferien soll und was zu Hause bleiben kann, üben sich die beiden darin, vorausschauend zu denken und eigene Gedanken und Ideen zu formulieren. Im Rollenspiel lernen sie zudem, sich in andere hineinzuversetzen und das Wichtige im Blick zu haben. Geht es das nächste Mal ab in die Familienferien, können Tim und Nils sich bestimmt vorstellen, welche Vorbereitungen ihre Eltern treffen müssen und was sie beim Kofferpacken beachten sollten, um den Koffer noch schliessen zu können und trotzdem nichts zu vergessen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Kuchen

Selber tun. Selber ausprobieren. Selber beobachten. Unterstützt werden. Gemeinsam darüber sprechen und gemeinsames Erleben. Das ist lehrreich! Und macht den Kuchen ganz besonders lecker.
Kristóf / 9 Monate Zalán / 4 Jahre Csongor / 6 Jahre 3 Monate

Ganzheitliches Lernen

Zalán hat heute Geburtstag. Er hat sich einen Igel-Kuchen gewünscht. Zalán und Csongor dürfen beim Backen mithelfen. Das gemeinsame Kuchenbacken eröffnet den Kindern unzählige Lerngelegenheiten. Sie erfahren nicht nur, welche Zutaten in den Kuchen kommen und wie dieser entsteht, sondern erleben auch, wie eine Waage oder ein Mixer funktioniert. Das Abfüllen des Zuckers, das Anschalten der Waage und das Halten des Mixers erfordern feinmotorisches Geschick. Zwischendurch darf auch mal genascht werden. Dabei erfahren die Kinder, wie der Kuchenteig oder die einzelnen Zutaten schmecken. Csongor interessiert sich besonders für Zahlen und Gewichte. Die Mutter erklärt daher, dass zwölf Dekagramm hundertzwanzig Gramm entsprechen. Beim Aufschreiben des Rezepts übt er sich zudem in der Schriftsprache. Aber auch im sozialen Bereich profitieren die Brüder: sie lernen, gemeinsam an etwas zu arbeiten, sich abzuwechseln und abzusprechen. Die Liste an Lernerfahrungen könnte noch beliebig verlängert werden. Es sind solch alltägliche Situationen, die es den Kindern ermöglichen, ihr Wissen in verschiedensten Bereichen zu erweitern.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Teilhaben und Mitwirken

Beim Backen sind Zalán und Csongor mit viel Eifer dabei. Zalán denkt mit und fragt nach, wenn er unsicher ist oder etwas nicht versteht. „Warum nehmen wir so einen grossen Löffel?“, „Ist soviel gut?“, „Darf ich das hineingeben?“ Csongor will ganz genau wissen, wie der Kuchen gemacht wird, und schreibt sich gleich das Rezept auf. Die Mutter unterstützt diese Eigeninitiative, indem sie ihm Auskunft auf seine Fragen gibt. Auch Kristóf ist auf dem Arm der Mutter dabei und kann das Geschehen mitverfolgen. So ermöglicht die Mutter allen drei Kindern ihrem Alter entsprechend das Partizipieren am Familiengeschehen. Partizipation ist ein Prozess, der von den Erwachsenen eine Grundhaltung erfordert, welche die Beiträge und den Einfluss von Kindern als wertvoll akzeptiert und schätzt. Indem die Mutter die Kinder in alltägliche Situationen wie das Kuchenbacken einbezieht, ermöglicht sie ihnen eine aktive Mitgestaltung des Alltags. Dadurch fühlen sich die Kinder zugehörig, nützlich und wertvoll.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Erfahrungslernen im Alltag des Kindes

Frühkindliche Bildung lässt sich nicht mit Instruktion und Wissensvermittlung nach dem Plan der Erwachsenen fördern. Kleine Kinder wollen erstens selber tätig sein und ausprobieren. Zweitens benötigen sie dabei wohldosierte Anleitung und Antworten auf ihre Fragen. Die Mutter ermöglicht den Buben Erfahrungslernen, indem sie diese beim Kuchenbacken aktiv mithelfen lässt. So darf Zalán etwa selbst den Knopf an der Waage drücken, mit dem Löffel Zucker abfüllen und den Teig mixen. Das ist nicht immer einfach. Beim Abfüllen sollte nichts daneben gehen und das Halten des Mixers ist schwierig. Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt und die das Lernen spannend machen. Denn damit eine Situation zu einer Lernsituation wird, muss sie das Kind etwas herausfordern, aber nicht überfordern.

Um gemeinsam ans Ziel zu kommen, braucht es viel Austausch und Abstimmung zwischen den Beteiligten. Begleitet von Fragen sowie durch das Umsetzen von Anweisungen und das Anbringen von eigenen Anmerkungen entsteht nach und nach der Kuchenteig. Kristóf ist auch dabei, auch wenn er noch zu klein ist, um aktiv mithelfen zu können. Das Beobachten des Geschehens ist höchst interessant und Kristóf erfährt dadurch schon einiges. Er hört die Gespräche und sieht, wie die Mutter und seine Brüder mit den verschiedenen Geräten hantieren. Das Teilhaben am Gefühl, gemeinsam etwas zu tun, gefällt ihm. So nah am Geschehen dran und auf diese Weise involviert zu sein, ist für die sozial-emotionale Entwicklung des Kindes wertvoll.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.).

Lied

Kinder lernen Sprachen dann mühelos und gut, wenn die Erwachsenen mit ihnen in der Sprache sprechen, die sie am besten können.
Zalán / 3 Jahre 10 Monate

Begleitung von Mehrsprachigkeit

Seine ersten Lebensjahre verbrachte Zalán in Ungarn. Seit einiger Zeit lebt er nun mit seinen Eltern in der Schweiz. In seiner Familie spricht er Ungarisch. Das ist seine Erstsprache, die er problemlos versteht und in der er sich bestens ausdrücken kann. Seit kurzem kann Zalán aber auch ein paar Worte in Schweizerdeutsch. Diese hat er in der Spielgruppe gelernt. So hat Zalán eine Familiensprache (Ungarisch) und eine Umgebungssprache (Schweizerdeutsch). Diese eindeutige Trennung hilft ihm, die Sprachen klar zu unterscheiden.

Zalán ist eben von der Spielgruppe nach Hause gekommen und das schweizerdeutsche Abschiedslied ist ihm noch im Ohr. Fröhlich singt er es vor sich hin. Die Mutter erkundigt sich auf Ungarisch nach der Herkunft des Liedes. Dadurch signalisiert sie ihr Interesse für das schweizerdeutsche Lied, spricht aber gleichzeitig in ihrer eigenen Sprache. Das Interesse der Mutter an der Umgebungssprache ist für Zalán ein Motivator, Schweizerdeutsch zu lernen. Beide Sprachen sind wichtig und willkommen, das merkt Zalán. Die Mutter ist sich bewusst, dass das zweisprachige Aufwachsen für ihren Sohn eine grosse Chance ist. Zalán kann frei wählen, welcher Sprache er sich bedient. Um das in der Spielgruppe gelernte Lied zu singen, wählt er Schweizerdeutsch. Im Umgang mit seiner Mutter und seinem Vater spricht er dagegen Ungarisch.

Indem die Mutter die Sprache spricht, die sie selbst am besten kann, unterstützt sie Zalán im aktiven Erwerb seiner Erstsprache und damit grundsätzlich in seiner sprachlichen Entwicklung. Zu Hause lernt er von Anfang an die korrekte Aussprache und Grammatik des Ungarischen. Die Spielgruppenleiterin dient dagegen als sprachliches Vorbild für das Schweizerdeutsche. Der korrekte Spracherwerb sowohl in der Erst- wie auch in der Zweitsprache ist zentral für das Entwickeln eines kompetenten Sprachverständnisses und -gebrauchs. Dies gilt für das Mündliche wie für das Schriftliche: Sprechen, Zuhören, Schreiben und Lesen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.); Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebungen gestalten (S. 52 ff.).

Verbindung zwischen verschiedenen Lebenswelten

Heute haben die meisten Kleinkinder mehrere Lebens- und Lernorte: Familie, Spielgruppe, Kindertagesstätte, Tagesfamilie oder andere Orte, an denen Kinder regelmässig Zeit verbringen. Zalán besucht an zwei Vormittagen in der Woche die Spielgruppe. Ein Ort, der sich nicht nur durch die Sprache von seinem Zuhause unterscheidet. Es sind zwei ganz verschiedene Lebenswelten, in denen er sich bewegt. Indem sich die Mutter nach dem Lied erkundigt, signalisiert sie ihr Interesse für das Geschehen in der Spielgruppe. Ihre positive Grundeinstellung zur Spielgruppe hilft Zalán, sich in der Spielgruppe wohlzufühlen. Dies zeigt sich auch in der fröhlichen Art, wie Zalán das Lied, welches er von Gabriela (der Spielgruppenleiterin) gelernt hat, zu Hause wiedergibt. Singend und mit Unterstützung der Mutter schafft er eine Verbindung zwischen den beiden Lebenswelten.

Das Lied als persönliches Erlebnis wäre ferner ein guter Anlass für eine Sprachförderung im Alltag. Indem Kinder darüber berichten, was sie erlebt haben, üben sie ihr Geschichtenverständnis und ihre Erzählkompetenz. Es ist anspruchsvoll für Kinder, Handlungsabläufe als Ganzes zu verstehen, zu strukturieren und für andere nachvollziehbar in Sprache zu fassen. Hierbei üben Kinder sprachliche Kompetenzen, die für die spätere Herausbildung von Lesen und Schreiben von Bedeutung sind.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Übergänge begleiten und gestalten (S. 58 ff.).

Rituale

„Adieu, adieu, adieu mitenand“: Mit diesem Lied verabschieden sich die Kinder jeweils am Ende des Spielgruppenmorgens voneinander. Ein Ritual, das zur Strukturierung des Vormittags beiträgt und den Kindern als Orientierungshilfe dient. Alle wissen: Wenn das Lied gesungen wird, dann dauert es nicht mehr lange, bis die Mütter und Väter die Kinder abholen und sie in ihre Familienwelt zurückwechseln. Solche stets wiederkehrenden Handlungen unterstützen die Kinder bei der Entwicklung eines Zeitgefühls. Kindern liegt es fern, in Lektionen oder Stundenplänen zu denken. Solch kleine Rituale helfen jedoch, Übergänge zwischen den verschiedenen Lebenswelten und Tagesabschnitten zu meistern. Sie unterstützen z.B. das Ankommen in einer Kindergruppe oder schliessen einen Spielgruppenvormittag ab, wie es hier der Fall ist. Zalán weiss, dass nach der Heimkehr das Mittagessen auf ihn wartet. So gelingt es ihm immer besser, den Tag zu strukturieren. Rituale sorgen aber auch für Vertrautheit und Geborgenheit. Jedes Kind will Teil einer Gemeinschaft sein. Im gemeinsamen Ritual werden alle Kinder, unabhängig von ihrer Herkunft oder Sprache, einbezogen und respektiert. Dies verbindet und stärkt das „Wir-Gefühl“.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 5: Inklusion und Akzeptanz von Verschiedenheit: Jedes Kind braucht einen Platz in der Gesellschaft (S. 44 f.).

Loch

Im gemeinsamen Spiel machen Kinder erste Erfahrungen miteinander. Dabei merken sie, dass man gemeinsam weiterkommt. Sie lernen, zusammen zu arbeiten, sich eine eigene Meinung zu bilden und andere Blickwinkel einzunehmen.
Anna / 4 Jahre 1 Monat Nevin / 4 Jahre 4 Monate Meret / 3 Jahre 7 Monate

Gemeinschaftliches Lernen

Beim gemeinsamen Durchbohren des Schneehaufens bieten sich den Kindern viele Lerngelegenheiten. Am Anfang steht die Idee, im Schneeberg zu stochern. Daraus folgt der Plan, ein Loch hindurchzubohren. Die Kinder finden heraus, wie sie Rechen und Stöcke am besten einsetzen, um ein Loch zu bohren (Nevin: „Wir müssen ganz fest drücken.“), entdecken das Prinzip der Hebelwirkung und erfahren etwas über die Konsistenz von Schnee.

Die drei üben sich aber auch im sozialen Umgang miteinander. Meret ist noch etwas jünger als die beiden anderen und bekommt konkrete Tipps, wie sie beim Bohren am besten vorgehen soll. Alle drei lernen, im gemeinsamen Spiel zu kooperieren und andere Blickwinkel einzunehmen. Ganz konkret heisst das auch, nachzuschauen, wie sich der Berg und das bereits gebohrte Loch von der gegenüber liegenden Seite zeigen. Sie können sich im Austausch miteinander eine eigene Meinung bilden und voneinander lernen. Gemeinsam erweitern sie ihr Wissen (Ko-Konstruktion).

Um ihr Ziel zu erreichen, müssen die Kinder sich verständigen. Sie wechseln sich ab, geben einander Tipps und sagen, wenn sie mit etwas nicht einverstanden sind. Dabei erleben Anna, Nevin und Meret Zusammengehörigkeit und machen erste Erfahrungen im demokratischen Miteinander. Die Zusammenarbeit erfordert viel Absprache unter den Kindern. Sie erproben und erweitern so auch ihre sprachlichen Fähigkeiten.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.); Das Fundament: Beziehung und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 f.).

Anregungsreiche Lernumgebung

Das Spielen im schneebedeckten Garten bietet den warm angezogenen Kindern der Kita-Gruppe eine spannende und anregungsreiche Lernumgebung. Kinder mit ähnlichen Interessen finden zusammen und gehen gemeinsam einer Tätigkeit nach. Nevin, Anna und Meret wollen ein Loch in den Schneehaufen bohren. In Rechen und Stöcken finden sie geeignete Werkzeuge, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Während einer Viertelstunde widmen sie sich konzentriert und ungestört ihrem Ziel.

Kindern Zeit und Gelegenheiten zu bieten, um sich eigene Ziele zu setzen und dafür eigene Lösungen zu finden, ist eine zentrale Voraussetzung, damit diese Selbstwirksamkeit und Erfolgsfreude erleben können. Zudem braucht es auch im freien Spiel eine vertraute, verlässliche und verfügbare Bezugsperson, welche die nötige Sicherheit vermittelt, damit sich die Kinder ungestört und konzentriert beschäftigen können.

Im vorliegenden Beispiel ist die Erzieherin in Sicht- und Hörweite der Kinder und könnte jederzeit unterstützend eingreifen, falls die Kinder nach Hilfe fragen oder die Kinder neue Impulse für ihr Spiel benötigen. So sind für Nevin, Anna und Meret alle Voraussetzungen gegeben, um vertieft und ausdauernd zum selbst gesetzten Ziel zu gelangen und dabei einiges zu lernen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebungen gestalten (S. 52 ff.).

Forschen und Entdecken

Mit dem Durchbohren des Schneehaufens haben sich Nevin, Anna und Meret keine einfache Aufgabe gestellt. Kinder nehmen beeindruckende Anstrengungen auf sich, um ein Ziel zu erreichen oder um etwas herauszufinden. Der starke Motor dafür ist ihre Neugier. Sie lernen forschend und entdeckend. Selber experimentieren sowie eigene Erklärungen und Hypothesen zu entwickeln, bereitet ihnen Freude und entspricht dem Lernen junger Kinder bestens.

Beim Arbeiten mit Rechen und Stöcken sind Nevin, Anna und Meret aktiv und erleben, dass sie etwas bewirken können. Beharrlich verfolgen sie ihr Ziel und kommen schliesslich zum Erfolg. Ein schönes Erlebnis! Gestärkt durch diese Erfahrung werden sie ein nächstes Mal wieder Pläne schmieden und diese voller Energie und Tatendrang umsetzen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Magnete

Physikexperiment am Kühlschrank. Kleinkinder wollen grosse Entdecker sein. Dazu brauchen sie Erwachsene, die sich Zeit nehmen, um mit ihnen Antworten auf ihre Fragen zu finden.
Irem / 2 Jahre 10 Monate

Forschen und Entdecken

Kleine Kinder sind Forscher und Entdecker, so auch Irem. Sie hat die Magnete am Kühlschrank entdeckt und will nun damit experimentieren. Irem hat viele Fragen: Wo haften die Magnete und wo nicht? Haften sie auf beiden Seiten oder doch nur auf der schwarzen? Und bleibt vielleicht auch der Löffel am Kühlschrank kleben? Was passiert, wenn man Magnete von den Papieren darunter wegnimmt? Haften die Magnete auch, wenn man sie von unten hinaufwirft? Was passiert, wenn man Magnete fallen lässt? Gehen sie kaputt? Wie kann man die vielen Magnete auf den verschiedenen Papieren verteilen? Auf all diese Fragen sucht Irem Antworten und diese erhält sie am besten, wenn sie es selbst ausprobiert. So lernt Irem anhand vieler kleiner Experimente einiges über Magnetismus und seinen praktischen Nutzen.

Die Mutter erkennt die Lerngelegenheit für ihre Tochter und unterstützt diesen Bildungsprozess. Sie geht auf Irems Interesse ein und begibt sich gemeinsam mit ihr auf Entdeckungsreise. Sie bringt Zeit und Geduld auf, sodass Irem in Ruhe und mit Ausdauer ihrer Neugierde nachgehen kann. Sie gibt kleine Tipps, wo und wie die Magnete haften bleiben, ohne Irem jedoch zu belehren oder auf ihre Fragen fertige Antworten zu liefern. Denn Kinder lernen am besten, wenn sie ausprobieren und ihre eigenen Erfahrungen machen können. Auch hebt die Mutter Irem hoch, sodass sie die begehrten Magnete erreichen kann. Damit Irem auch selbständig an die Magnete herankommen kann, könnte die Mutter ihr beim nächsten Mal einen Stuhl holen oder die Magnete nach unten verschieben. Heute scheint es Irem wichtig zu sein, die Entdeckungen auf Mutters Arm zu machen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.); Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Gemeinschaftliches Lernen

Irem erkundet mit Unterstützung der Mutter die Magnete am Kühlschrank. Das gemeinsame Experimentieren und der Austausch miteinander sind bedeutend für Irems Bildungsprozesse. Nur in sozialen Interaktionen können sich Kinder ein mehrdimensionales und ganzheitliches Bild von der Welt machen. Gemeinsam mit der Mutter „ko-konstruiert“ Irem ihr Wissen über die Magnete. Zusammen gehen sie Irems Fragen nach. Müsste Irem die Antworten alleine ergründen, würde die Suche wahrscheinlich schnell in einer Sackgasse enden. Doch mit Hilfe der Mutter findet Irem nicht nur Antworten, sondern kommt auch auf neue Fragen. Dadurch wird sie von der Mutter ermuntert, Neues auszuprobieren, ihrer Neugierde nachzugehen, dranzubleiben und sich darüber auszutauschen. Obwohl die Mutter wahrscheinlich auf die meisten Fragen bereits eine Antwort weiss, hält sie sich zurück und lässt sich offen und interessiert auf das Experimentieren ein.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehung und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.).

Emotionen im Lernprozess

Irem ist sichtlich begeistert vom Hantieren mit den Magneten: Sie lacht und ist voller Tatendrang. Diese Begeisterung ist von grosser Bedeutung. Denn Lernen, das Freude macht, ist bei kleinen Kindern nachhaltig und spornt zu nächsten Schritten an. Irem wird von ihrer Neugierde angetrieben und hat die Möglichkeit, ihrem Interesse nachzugehen. Dies ist die beste Voraussetzung, um das Wissen über diese spannenden Dinge aufzubauen, anzuwenden und zu erweitern. Der angeborene Lerntrieb der Kinder ist der Motor ihrer eigenen Bildungsbiografie. Wenn Kinder etwas erreicht haben, Erfolge erzielen und Antworten finden, empfinden sie Freude und erleben sich selbst als aktiv und wirksam.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.).

Pfeilbogen

Echte Anteilnahme, dosierte Anleitung und Ansporn von Erwachsenen machen Kinder zu erfolgreichen Lernern.
Mauro / 3 Jahre 9 Monate

Respektvolle Botschaften, Ermutigungen und Anteilnahme

Die Familie verbringt den Tag im Wald. Mauro hat mit seinem Vater einen Bogen und einen Pfeil aus Ästen hergestellt. Diese müssen nun ausprobiert werden. Für Mauro ist das Hantieren mit Pfeil und Bogen ganz neu, er muss es erst lernen. Der Vater unterstützt seinen Sohn mit Erklärungen und mit Vorzeigen. Er nimmt sich ausreichend Zeit für Mauro und unterstützt ihn geduldig. Er macht sich Gedanken, wie er dem Jungen das Abschiessen des Pfeils erleichtern könnte. Er kürzt den Pfeil und überlegt sich, wie Mauro den Bogen am einfachsten halten könnte. Das Verhalten und die Äusserungen des Vaters haben einen massgeblichen Einfluss auf die Entwicklung von Mauros Selbstbewusstsein. Mauro erlebt, dass sein Vater sich für ihn und seine Anliegen interessiert und ihm zutraut, Pfeil und Bogen zu benutzen und den Umgang damit zu lernen. Dies ermuntert ihn, Neues auszuprobieren. Auch wenn es am Anfang noch schwierig ist und der Pfeil die ersten Male nicht so richtig fliegen will, bleibt der Vater dennoch ruhig und ermuntert Mauro, es weiter zu versuchen. Als es dann endlich klappt und der Pfeil durch die Luft fliegt, freut sich der Vater gemeinsam mit seinem Sohn. „Ja! Der ist weit geflogen!“, sagt er. Auch der Mutter will Mauro seinen Erfolg zeigen. Mauro sucht damit aktiv die Anteilnahme seiner Bezugspersonen. Aus den Kommentaren und Verhaltensweisen der Erwachsenen erfahren Kinder, was sie selbst bewirken können und wie sie auf andere wirken. Als der Pfeil ein zweites Mal fliegt, schaut Mauro sofort zu seiner Mutter. Er möchte wissen, ob sie das Gelingen gesehen hat und wie sie darauf reagiert. Die Mutter ist ebenfalls begeistert und ruft: „Cool, hey! Lässig!“ Die Eltern wissen, dass das Abschiessen eines Pfeils nicht einfach ist. Beide zeigen ehrliche Freude über Mauros Leistung und vermitteln ihm dadurch ihre Wertschätzung. So kann Mauro sein eigenes Tun besser einschätzen und wird bestärkt in seinem Gefühl, dass er einen grossen Fortschritt erzielt hat. Dies alles unterstützt Mauro darin, ein positives und zugleich realistisches Selbstkonzept nach und nach aufzubauen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.).

Herausforderungen

Bereits das Herstellen von Pfeil und Bogen will gelernt sein. Damit umgehen zu können, stellt erst recht eine knifflige Aufgabe dar. Wie muss man den Bogen halten? An welcher Stelle kommt welcher Finger? Wie weit muss der Bogen gespannt werden, damit der Pfeil richtig fliegt? Und wann ist der richtige Moment, um loszulassen? Es sind echte Herausforderungen, die sich da für Mauro stellen. Um das alles zu wissen und zu beherrschen, muss Mauro viel ausprobieren, es mehrmals versuchen und sich trotz Niederlagen nicht vom Ziel abbringen lassen. Umso grösser ist die Freude, als es endlich klappt. Mauro erlebt, dass sich die Anstrengung gelohnt hat und er damit ein Ziel erreichen kann. Der Erfolg löst Glücksgefühle aus, welche Mauro mit einem breiten Lächeln zeigt. Das Erfolgserlebnis gibt Motivation, es gleich noch einmal zu versuchen. Und es hilft, um das Gelernte nachhaltig im Gedächtnis zu verankern.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.).

Ganzheitliches Lernen

Pfeil und Bogen selber herzustellen und zu benutzen, erfordert viel Wissen, Geduld und Geschick. Mauro verbringt, aufmerksam begleitet und angeleitet von seinem Vater, eine spannende und lehrreiche Zeit im Wald. Er probiert aus, wiederholt und hält stand. Durch Misserfolge lässt er sich nicht abbringen. Gerade dann kann er auf die Unterstützung seines Vaters zählen. Dieser zeigt und erklärt genau so viel, wie Mauro braucht, um es selbst zu schaffen. Mauro ist dabei hoch konzentriert. Er hört aufmerksam zu und beobachtet genau, was und wie es der Vater macht. Dieser lässt Mauro auch ausgiebig selbst ausprobieren. Kleine Kinder sind Forscher und Entdecker. Sie wollen selbst experimentieren und eigene Hypothesen entwickeln. Dies bedeutet, dass Kinder Vermutungen haben, z.B. was passiert, wenn man etwas Bestimmtes tut. Sie überprüfen diese Vermutung durch Ausprobieren. Ihr Lernen geschieht über Handlungen und Erfahrungen – durch Selbsttätig-Sein und durch den Austausch mit anderen. Mauro lernt durch Beobachten, durch Nachahmen, durch Ausprobieren und durch Wiederholungen. Dabei erfährt er nicht nur, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht, sondern er übt sich auch darin, Frustrationen auszuhalten, und erlebt, wie er selber etwas bewirken kann.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.).

Pfütze

Ob Regen, Wind oder Sonnenschein, ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter: Kinder können – passend angezogen – draussen jederzeit bereichernde Erfahrungen machen.
Anna / 4 Jahre

Ganzheitliches Lernen

Kleine Kinder lernen ganzheitlich. Dies bedeutet einerseits, dass sie alle ihre Sinne zum Lernen nutzen, und andererseits, dass sie von einer einzelnen Tätigkeit in verschiedener Hinsicht profitieren. Eigentlich möchte Anna das Wasser aus der Pfütze zum Spielen nutzen und schöpft es deshalb mit der Schaufel in ihren Eimer, damit sie es transportieren kann. Doch ganz nebenbei macht sie vielfältige Erfahrungen. So sammelt sie beispielsweise viele naturwissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Wasser: Sie sieht, wie sich das Regenwasser mit dem Boden vermischt und zu grau-braunem Dreckwasser wird. Sie spürt unter ihren Füssen, wie der Boden feucht wird, und sie merkt, wie die unterschiedlichen Böden das Wasser unterschiedlich aufnehmen – die Wiese saugt sich voll wie ein Schwamm, der Steinboden dagegen wird in Kombination mit den Blättern rutschig. Sie sieht, wie die Regentropfen Blasen in der Pfütze erzeugen. Sie findet heraus, wie man Wasser transportieren kann. Sie sieht, wie der Niederschlag mal Schnee und mal Regen sein kann. Sie erlebt, wie Schnee zu Wasser wird.

Neben den naturwissenschaftlichen Erfahrungen regt diese Situation auch noch zum Lernen in anderen Bereichen an. Den Henkel des Eimers mit den Handschuhen zu fassen, stellt eine Schwierigkeit dar. Anna lässt sich jedoch davon nicht entmutigen und von ihrer Tätigkeit abbringen. Sie zeigt Standhalten, Geduld und motorische Geschicklichkeit.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Anregungsreiche Lernumgebung

Kinder brauchen eine anregungsreiche Lernumgebung. Dies kann auch eine Pfütze im strömenden Regen sein, wenn die Kleidung stimmt. Anna ist mit dicker Jacke, Regenhose, Gummistiefeln, Handschuhen und Mütze gut ausgerüstet. Das nasskalte Wetter scheint Anna nicht zu stören. Ganz selbstverständlich und voller Konzentration schöpft sie das Wasser aus der Pfütze in ihren Eimer. Der Regen ist dabei nicht nur eine ungemütliche Wettererscheinung. Für Anna trifft eher das Gegenteil zu: Der Regen bietet ihr viele spannende Erfahrungsmöglichkeiten. Er lädt zum vielseitigen Spielen, Experimentieren und Beobachten ein. Anna bezieht das Wasser in ihr Spiel mit ein und lernt ganz nebenbei das Element mit seinen Eigenheiten näher kennen. Somit kann jede Jahreszeit und jedes Wetter den Kindern wertvolle Erfahrungsmöglichkeiten bieten.

Anna hat klare Vorstellungen von dem, was sie tun möchte, und verfolgt unermüdlich ihre Ideen. Kleine Kinder können ganz engagiert eine Tätigkeit ausführen, Ausdauer, Konzentration und Willensstärke zeigen, wenn sie die Möglichkeit haben, ungestört ihren eigenen Interessen nachzugehen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.); Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.).

Puppen

Im Rollenspiel verarbeiten und verinnerlichen Kinder, was sie erlebt haben. Das ist sehr wertvoll.
Nils / 3 Jahre 6 Monate Tim / 3 Jahre 5 Monate

Rollenspiel

Seit einiger Zeit gehören die Puppen zum täglichen Spiel von Tim und Nils. Tim plant einen Spaziergang mit seiner Anja und überlegt sich mit viel Einfühlungsvermögen, was er ihr anziehen muss, damit sie nicht friert. Die Puppe von Nils dagegen wird von einer Magendarm-Grippe geplagt. Beides Themen, mit welchen die Jungen sich offenbar auskennen. Das Rollenspiel verrät oftmals viel darüber, wie Kinder den Alltag erleben oder was sie gerade beschäftigt. Nils beispielsweise hatte vor kurzem selbst eine heftige Magendarm-Grippe. Diese Erfahrung verarbeitet er nun im Rollenspiel.

Indem sie eine Rolle wählen können, lernen Kinder im Rollenspiel auch, sich in andere einzufühlen und die Sichtweise zu verändern. Tim und Nils schlüpfen in die Rollen fürsorglicher Erwachsener und stellen Überlegungen an, die sie von ihren Eltern oder anderen Betreuungspersonen kennen: Was zieht man dem Baby am besten an, damit es draussen nicht friert? Ist das andere Baby eventuell auch krank? Sie übernehmen Verantwortung für ihre Anjas. Eigene Ideen und Gedanken müssen in Worte gefasst und dem Gegenüber mitgeteilt werden. So üben Kinder im Rollenspiel, sich auszudrücken und ihrerseits zu verstehen, was andere ihnen mitteilen möchten. Aber nicht nur die sprachlichen und sozialen Kompetenzen werden gestärkt. Ganz nebenbei trainiert Tim beim Anziehen der Puppenkleider auch seine feinmotorische Geschicklichkeit. So bietet das Rollenspiel unzählige Möglichkeiten, Verschiedenes zu lernen und zu üben.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehungen und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.); Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Anregungsreiche Lernumgebung

Um mit ihren Anjas einen Spaziergang unternehmen zu können, benötigen Nils und Tim nebst den Puppen auch Puppenkleider und Kinderwagen. All diese Utensilien – und noch einige mehr – stehen den Kindern im Gruppenraum zur Verfügung. Er ist so gestaltet, dass er ihnen viele Anregungen für eigene Ideen und Spiele bietet. Beim Einrichten des Rollenspielbereichs hat sich die Spielgruppenleiterin überlegt, was die Kinder im Alltag beschäftigt und was sie brauchen könnten, um Erlebtes spielerisch nachzuvollziehen und abzuändern. Dabei gilt es immer auch, die aktuellen Interessen der Kinder zu berücksichtigen. Nils bekommt bald ein Geschwister und das Thema „Baby“ ist bei ihm deshalb sehr präsent. Auch Tim begeistert sich zurzeit für das Spiel mit Puppen. Zalán, der im Hintergrund in der Spielküche hantiert, hilft seiner Mutter viel beim Kochen und kann sein Wissen nun im Spiel umsetzen. Wer weiss, vielleicht sind bald andere Themen, wie etwa Baustelle, Polizei, Zirkus, Pferde, Zauberer oder Indianer, bei den Kindern aktuell. Dann gilt es, den Rollenspielbereich umzugestalten und neue, passende Utensilien fürs Spiel bereitzustellen.

Um sich in ein Spiel vertiefen zu können, benötigen die Kinder aber nicht nur die passenden Materialien und eine Umgebung, die an ihre Erfahrungen anknüpft, sondern auch genügend Zeit und Raum, um eigenaktiv und konzentriert ihren Interessen und Ideen nachzugehen. Vor allem im selbstgewähltem Spiel (Freispiel) erleben Kinder vielfältige Erfahrungs- und Lernfelder. In dieser Zeit können sie frei wählen, wo, womit und mit wem sie spielen wollen. Die beiden Freunde Tim und Nils mögen sich als Spielpartner und nutzen das Freispiel, um sich ganz in ihr selbstgewähltes Rollenspiel zu vertiefen. Die Spielgruppenleiterin ist in der Nähe. Sie beobachtet das Geschehen und kann Hilfestellung geben, wenn es diese braucht. Ihre Kernaufgabe besteht darin, eine gesunde Balance zwischen Anregung und Unterstützung der Eigeninitiative des Kindes sowie zwischen Hilfestellung und Zurückhaltung in ihrem pädagogischen Handeln zu gewährleisten.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.); Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

S-Bahn

Die Zugfahrt als Entdeckungsreise. Sich interessieren für die Interessen und Ideen der Kinder. So unterstützen Erwachsene ihre Kinder beim Lernen.
Melina / 10 Monate

Interessen und Ideen der Kinder aufgreifen

Noch kann sich Melina nicht mit Worten ausdrücken. Und trotzdem wird deutlich, was ihr Interesse geweckt hat. Ihr Blick wandert immer wieder zum Jackenhaken in der S-Bahn. Und auch mit dem Zeigefinger deutet sie auf das interessante Objekt. Die Mutter beobachtet ihre Tochter genau, nimmt ihre Signale wahr und reagiert darauf. Sie folgt Melinas Blick, vergewissert sich verbal, dass sie Melina richtig verstanden hat („Möchtest du mal schauen, was da oben ist?“), und hebt sie hoch. So kann Melina den Haken auch aus der Nähe begutachten. Immer wieder zeigt sie darauf und fordert die Mutter dadurch auf, ihr Interesse zu teilen und sich dieses spannende Objekt ebenfalls anzuschauen.

Der Mutter ist es gelungen, die Welt aus der Perspektive ihrer Tochter zu betrachten, ihr Interesse zu erkennen und ihr die Möglichkeit zu bieten, ihrer Neugier nachzugehen und dabei ihr Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Eine wichtige Voraussetzung, um Melina optimal in ihren Entwicklungs- und Lernprozessen zu unterstützen und zu begleiten.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.).

Lernen ist spielen und spielen ist lernen

Aus dem gemeinsamen Interesse entwickelt sich ein Spiel. Melina wird nicht müde, der Mutter immer wieder zu signalisieren, dass diese das Tuch erneut am Haken aufhängen solle, damit sie selber es wieder herunterziehen kann. So erfährt sie nicht nur, wie sich der Stoff anfühlt, sondern erlebt auch, wie die Schwerkraft funktioniert. Immer wieder fällt das Tuch herunter. Hinauf kommt es erst, wenn die Mutter es erneut über den Haken hängt. Fasziniert beobachtet Melina, wie der Haken hinter dem Tuch verschwindet und kurz darauf wieder hervorkommt. Wo bleibt er nur, wenn er nicht mehr zu sehen ist? Aufgrund vieler solcher Erfahrungen lernt Melina, dass ein Objekt weiter existiert, auch wenn sie es nicht mehr sehen kann. Auch das Prinzip der Schwerkraft hat Melina bestimmt schon in anderen Zusammenhängen erlebt. Beispielsweise, wenn ihr Schnabelbecher hinunterfällt, jedoch nicht von alleine wieder zurück auf den Tisch kommt. Alle diese Erfahrungen helfen Melina, die Welt zu verstehen. Hätte die Mutter ihr in Worten zu erklären versucht, was die Schwerkraft ist und dass ein Objekt weiterhin existiert, auch wenn es nicht mehr zu sehen ist, wäre dies für Melina nicht nachvollziehbar gewesen. Kleine Kinder lernen gleichzeitig mit ihrem Körper, ihren Sinnen, ihren Emotionen und ihrem Denken. Sie lernen, indem sie etwas selber tun und ausprobieren. Besonders wertvoll ist dabei das Spiel. Beim Spielen setzen sich Kinder aktiv mit ihrer Lebensumwelt auseinander, nehmen eigene Handlungsmöglichkeiten und -grenzen wahr und erweitern diese. Noch kann Melina das Tuch nicht selbst über den Haken hängen, doch sie übt ihre feinmotorischen Fähigkeiten beim Herunterziehen und beobachtet genau, wie die Mutter das Tuch anschliessend wieder über den Haken hängt.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.); Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Anregungsreiche Lernumgebung

Für viele Erwachsene ist die Fahrt in der S-Bahn eine mühsame Notwendigkeit. Anders für Melina. Gespannt verfolgt sie zusammen mit der Mutter die vorbeiziehende Landschaft und staunt, als es bei der Einfahrt in den Tunnel dunkel wird. Aber auch im Innern des Zuges gibt es viel Spannendes zu entdecken: den Haken, die Stimme aus dem Lautsprecher, andere Menschen...

Was für Melinas Mutter alltäglich ist, bietet für ihre Tochter unzählige Möglichkeiten, Neues zu erkunden und zu erfahren. In der vertrauten Umgebung zu Hause wird Melina ähnliche Lerngelegenheiten entdecken, um die neu gewonnenen Erkenntnisse zu vertiefen. Zu Hause wird sie sich aber auch von den spannenden Erlebnissen erholen. Denn Kinder brauchen eine gesunde Balance zwischen Anregung und Erholung, zwischen Mangel und Übersättigung.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Saucenlöffel

Ohne Ausprobieren kein Lernen. Kleine Kinder lernen gleichzeitig mit ihrem Körper, ihren Sinnen und ihren Emotionen.
Melina / 9 Monate

Lernen mit allen Sinnen

Die Mutter hat für Melina einen Korb mit verschiedenen Dingen auf den Fussboden gestellt. Neugierig krabbelt Melina darauf zu und holt einen Gegenstand nach dem anderen heraus. Auch ein Saucenlöffel ist dabei. Gespannt beobachtet Melina, wie er sich bewegt, und hört die Geräusche, welche das Küchenutensil beim Hin- und Her-Rollen auf dem Boden macht. Nun ist das Interesse von Melina geweckt. Sie nimmt den Löffel in die Hand und führt ihn zum Mund. Sie spürt und schmeckt erst die eine und dann die andere Seite. Wahrscheinlich riecht sie auch das Metall. Danach schwenkt sie den Löffel mit dem Arm nach oben und unten, kratzt sich damit am Kopf und steckt ihn dann wieder in den Mund. Dort wird er ausgiebig erkundet. Er fällt zu Boden und wieder sind klappernde Geräusche zu hören, denen Melina lauscht. Noch einmal anschauen und ein letztes Mal in den Mund stecken, dann wendet sich Melina wieder dem Korb zu. Melina nutzt all ihre Sinne, um den Saucenlöffel zu erkunden. Dadurch erfährt das Mädchen einiges über Form und Beschaffenheit des Löffels. Mit Lauten begleitet sie ihr Tun und gibt ihrer Begeisterung Ausdruck.

Aber nicht nur für den Saucenlöffel lässt sich Melina begeistern, auch das kleine Kind, welches ihr gegenüber sitzt, weckt ihre Aufmerksamkeit. Noch hat sie nicht realisiert, dass sie sich selbst und kein anderes Mädchen im Spiegel sieht. Vorerst beobachtet sie fasziniert die Bewegungen und die Mimik, die ihr Gegenüber macht. Kleine Kinder lernen handelnd und beobachtend.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

Anregungsreiche Lernumgebung

Melina sitzt in ihrem Kinderzimmer auf dem Boden. Der vertraute Raum ist so eingerichtet, dass Melina ohne Gefahren ihre Umgebung erkunden kann. Die Mutter ist in unmittelbarer Nähe, in Hör- und Sichtweite. Sie könnte sofort kommen, falls ihre Tochter Hilfe benötigte. So hat Melina die Möglichkeit, auf Entdeckungsreise zu gehen. Dazu hat die Mutter verschiedene Sachen bereitgelegt, die für das Mädchen anregend sind und ihm vielfältige Lerngelegenheiten bieten. Einmal ist da der Korb mit verschiedenen Gegenständen: mit ein paar Spielsachen und auch mit einem Saucenlöffel. Melina kann diese Materialien nach Belieben erreichen. Sie kann selbständig hinkrabbeln und sich das herausnehmen, was sie möchte. Vor allem der Gegenstand aus dem Haushalt, also der Saucenlöffel, hat ihr Interesse geweckt. Es müssen nicht immer vorgefertigte Spielsachen sein, gerade auch Alltagsgegenstände laden zum Erkunden und Experimentieren ein. Und dann gibt es noch einen grossen Spiegel. Darin kann Melina genau beobachten, was sie selbst tut. Später wird sie auch hineinschauen, um zu wissen, wie sie selbst aussieht und wie sie nach aussen wirkt. Somit unterstützt der Spiegel auch die Identitätsbildung von Kindern. Auf diesem Weg erweitern Kinder ihre Kompetenz, sich und andere wahrzunehmen.

Das Kinderzimmer von Melina ist so gestaltet, dass es einerseits Anregung, andererseits aber auch Erholung bietet. Die Einrichtung ist weder zu karg noch zu überfüllt mit Gegenständen. Der Raum regt zwar zum Spielen und Erkunden an, das Kind wird jedoch nicht mit Reizen überflutet.

Damit Kinder sich mit ihrer Umwelt und mit sich selbst auseinandersetzen können, brauchen sie eine sichere Bindung zu Bezugspersonen. Die Gelegenheit, sich eigenaktiv mit etwas Interessantem zu beschäftigen und sich darin vertiefen zu können, ist für die Entwicklungs- und Lernprozesse von Kleinkindern wichtig.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Schlüssel

Wenn Erwachsene den Kindern etwas zutrauen, trauen diese sich, Aufgaben selbstbewusst anzupacken.
Malou / 3 Jahre 2 Monate Kindergruppe / zwischen 3 Jahren 3 Monaten und 3 Jahren 5 Monaten

Herausforderungen

Malou hat von der Spielgruppenleiterin den Schlüssel für das Gartenhäuschen bekommen. Tatsächlich ist es für sie nicht ganz so einfach, das Tor aufzuschliessen. Ein Schlüsselanhänger hängt am Schlüssel, der das Drehen erschwert. Das Schloss ist so weit oben, dass sich Malou auf die Zehen stellen muss, um heranzukommen. Und dann sind da noch die Kinder, die darauf warten, dass das Tor endlich aufgeht und die ersehnten Spielsachen herausgeholt werden können. Doch das alles bringt Malou nicht von ihrem Vorhaben ab. Auch die Hilfe der anderen Kinder möchte sie nicht. Ganz alleine will sie es schaffen und verteidigt den Schlüssel gegenüber den anderen. Und sie weiss, dass sie es schaffen kann, wenn sie es hartnäckig versucht. Mit Ausdauer und viel Durchsetzungsvermögen gelingt es ihr, das Tor ganz alleine zu öffnen. Malou hat ein Erfolgserlebnis. Dies stärkt sie in ihrem Selbstvertrauen und gibt ihr die Zuversicht, die sie braucht, um die nächsten Lerngelegenheiten ebenso selbstbewusst anzunehmen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.); Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.).

Selbstvertrauen stärken

Heute darf Malou das Tor öffnen, damit die Kinder den Zutritt zu den Spielsachen bekommen. Die Spielgruppenleiterin schenkt Malou Vertrauen und traut ihr zu, das Tor zu öffnen. Sie kennt Malou gut und kann Malous Können einschätzen. Sie übergibt dem Mädchen diese Aufgabe, weil sie davon ausgeht, dass es sie ganz alleine bewältigen kann, ohne dabei überfordert zu sein. Das Vertrauen der Spielgruppenleiterin trägt dazu bei, dass auch Malou selbst ihren Fähigkeiten traut und die Herausforderung selbstbewusst annimmt.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.).

Gemeinschaftliches Lernen

Als Malou gerade dabei ist, das Tor aufzuschliessen, kommen die anderen Kinder angerannt. Zuerst warten sie geduldig. Doch Tim und Nils merken schnell, dass das Aufschliessen des Tores Malou Mühe bereitet, und bieten ihre Hilfe an. Im Zusammensein mit anderen haben die Kinder gelernt, dass es schön ist, wenn man jemand anderem helfen kann. Und dass es ebenso schön ist, wenn jemand einem selbst hilft, wenn es denn schwierig wird. Doch Malou möchte dieses Mal die gut gemeinte Hilfe von Nils und Tim nicht annehmen. Sie will es alleine schaffen. Die Kinder verstehen Malous abwehrendes Verhalten und respektieren ihren Willen. Geduldig warten sie weiter, bis das Tor endlich offen ist. Tim kann sich gut vorstellen, dass diese Aufgabe nicht so einfach war. Er freut sich mit Malou über ihren Erfolg und sagt: „Jetzt hast du es geschafft.“ Diese anerkennenden Worte bekräftigen Malous Erfolgserlebnis.

Dass die Kinder in dieser Situation so viel soziale Kompetenz und Einfühlungsvermögen zeigen, ist Resultat von unzähligen gelungenen und misslungenen Interaktionen, die sie bisher erlebt haben. Durch das Zusammensein in der Gruppe und mit der guten Begleitung durch die Spielgruppenleiterin haben die Kinder gelernt, Probleme gemeinsam zu lösen, zu kooperieren und die Perspektive von anderen einzunehmen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehung und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.).

Schnecke

Geteiltes Interesse ist doppeltes Interesse. Es regt Kinder dazu an, sich ihrer Beobachtungen und Gedanken bewusst zu werden und darüber zu sprechen. So kommen sie sprachlich weiter.
Selina / 2 Jahre 10 Monate

Sprachliche Begleitung

Im Alltag gibt es unzählige Gelegenheiten, mit Kindern über verschiedenste Themen ins Gespräch zu kommen. Eine kleine Schnecke beispielsweise kann viel zu reden geben. Im Austausch mit Selina kommentiert die Tagesmutter mit für das Mädchen nachvollziehbaren Worten das Verhalten der Schnecke und äussert ihre Gedanken dazu. Dabei dient sie Selina als sprachliches Vorbild, aber auch als Modell, indem sie sich traut, die Schnecke zu berühren. Indem Erwachsene in Worte fassen, was sie wahrnehmen, beobachten und denken, helfen sie dem Kind nicht nur, dies ebenfalls wahrzunehmen und zu erkennen, sondern unterstützen es auch beim Spracherwerb. Mit ihren Fragen regt die Tagesmutter Selina zudem zum Nachdenken an und ermuntert sie dazu, sich ebenfalls zu äussern. Mit ihrer Körperhaltung und ihren Fragen signalisiert sie ehrliches Interesse an Selinas Meinung. Dadurch erfährt Selina viel Wertschätzung und Achtung.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.); Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebungen gestalten (S. 52 ff.).

Gemeinschaftliches Lernen

Bereits seit einiger Zeit interessiert sich Selina für Schnecken und nutzt jede Gelegenheit, sich diese aus der Nähe anzuschauen. Für die Tagesmutter mögen Schnecken nichts Aussergewöhnliches sein. Doch besitzt sie die Fähigkeit, die ganze Situation aus der Perspektive von Selina zu betrachten. Sie weiss, wie sehr das Mädchen von Schnecken fasziniert ist und dass sie gerne mehr darüber erfahren möchte. Sich in die Sichtweise des Kindes hineinzuversetzen, ist eine zentrale Fähigkeit, welche es Erwachsenen ermöglicht, die Kinder bei ihren aktuellen Interessen und Fragen abzuholen. So können sie Kinder optimal auf ihrem Bildungsweg begleiten. Als die Tagesmutter eine Häuschenschnecke findet, nimmt sie dies deshalb zum Anlass, sich mit Selina darüber auszutauschen. Mit Fragen und spannenden Aussagen gelingt es ihr, die Aufmerksamkeit des Mädchens zu fesseln. Das gemeinsame Gespräch regt die Neugier und das Staunen von Selina zusätzlich an und ermuntert sie dazu, sich auf die Schnecke zu konzentrieren und etwas auszuprobieren. So wendet sie sich immer wieder dem Tier zu, auch wenn es auf dem Spielplatz noch viel anderes zu entdecken gäbe. Sie wagt es schliesslich sogar, das Schneckenhäuschen zu berühren, und erfährt, was sie bei der Schnecke damit bewirkt.

Das gemeinsame Erlebnis bereitet Freude und stärkt die Beziehung zwischen der Tagesmutter und Selina. Eine vertrauensvolle Beziehung ist grundlegend, um sich wohl zu fühlen und sich vertieft auf etwas einzulassen. Zudem werden Kinder besonders dann dazu angeregt, etwas Neues zu lernen, wenn sie etwas Interessantes mit und bei Personen beobachten können, die ihnen wichtig sind. Selina sieht, wie die Tagesmutter ganz selbstverständlich die Schnecke auf der Hand hält, ihr ein kleines Blatt anbietet und sie dann sanft auf den Boden zurücklegt. Auch von diesen Beobachtungen kann Selina profitieren. Ziemlich sicher ahmt Selina sie bei einer nächsten Gelegenheit nach.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Ganzheitliches Lernen

In den ersten Lebensjahren lernen Kinder nicht isoliert über ihren Intellekt, sondern gleichzeitig mit ihrem Körper, ihren Emotionen und ihren Sinnen sowie im Austausch mit vertrauten Personen. Basis dafür sind Bindungsbeziehungen und Sicherheit aufgrund von Erleben von Fürsorge. Frühkindliche Bildung heisst: selbst tätig sein, erkunden, fragen, beobachten und kommunizieren. Zudem lernen Kinder in einer Situation viel Verschiedenes. In der kurzen Zeit, in welcher die Tagesmutter und Selina gemeinsam ihre Aufmerksamkeit auf die Schnecke richten, erfährt Selina, dass die Schnecke auch dann noch da ist, wenn sie sich im Häuschen verkrochen hat. Und, dass sie wieder hervorkommt, wenn sie sich wohl fühlt. Zudem merkt sie, dass die Schnecke erschrickt, wenn sie diese berührt. Mit allen Sinnen nimmt sie die Situation auf. Sie sieht, wie die Schnecke kriecht, ihre Fühler bewegt und sich ins Häuschen zurückzieht, wenn es ihr zu viel wird. Sie hört, was die Tagesmutter dazu erläutert. Und sie spürt mit dem Finger, wie sich das Schneckenhäuschen anfühlt. Trifft sie das nächste Mal auf eine Schnecke, kann sie an dieses neu erworbene Wissen anknüpfen. Vielleicht wagt sie es dann sogar, die Schnecke auf die Hand zu nehmen, und erfährt so, wie es sich anfühlt, wenn ihr diese über die Haut kriecht.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.); Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S.46 f.).

Schritte

Gemeinsamkeit und Vertrautheit geben ein gutes Gefühl. Auch wenn nicht alle alles schon können. Schliesslich kann man viel voneinander lernen.
Kindergruppe / zwischen 1 Jahr 8 Monaten und 4 Jahren 4 Monaten

Zugehörigkeit

Jedes Kind möchte sich überall, wo es sich aufhält, willkommen fühlen und einbezogen werden. Anna ist mit Abstand die Jüngste in der Gruppe. Doch auch sie ist Teil der kleinen Gemeinschaft und wird selbstverständlich von der Erzieherin und von den anderen Kindern in die gemeinsame Tanz-Aktion einbezogen. Anna braucht noch etwas Unterstützung, um mitmachen zu können. Doch an der Hand der Erzieherin bzw. in deren Nähe oder beim Tanzen mit Paolo – einem älteren Jungen – geht es ganz einfach. Auch die anderen Kinder dürfen an die Hand der Erzieherin. Und wer keine freie Hand von ihr erwischt, der nimmt einfach eine Hand eines anderen Kindes. Alle sind einander vertraut und haben schon vieles gemeinsam erlebt. Da gibt es keine Berührungsängste. Auch dieses Tanzerlebnis stärkt die Gruppe. Einerseits kann jedes Kind seine eigenen Ideen einbringen. Abwechselnd wird bestimmt, welche Art von Schritten als nächstes im Lied besungen werden soll. Andererseits erleben die Kinder, dass alle Mitglieder dieser Kleingruppe zusammen etwas tun und Spass dabei haben. Das gemeinsame Erlebnis und der Respekt für jedes einzelne Kind tragen dazu bei, sich in der Gruppe wohl zu fühlen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 5: Inklusion und Akzeptanz von Verschiedenheit: Jedes Kind braucht einen Platz in der Gesellschaft (S. 44 f.).

Gemeinschaftliches Lernen

Die Kinder dieser Kleingruppe sind nicht alle gleich alt. Dennoch können sie alle voneinander profitieren: Die jüngeren Kinder lernen verschiedene Bewegungsabläufe kennen, indem sie die Grösseren beobachten und nachahmen, und die älteren Kinder lernen, wie sie die Jüngeren dabei unterstützen können. Paolo nimmt die kleine Anna gerne bei den Händen und tanzt mit ihr durch den Raum. So lernen die Kinder in der Gemeinschaft mit anderen, Verantwortung für das eigene Tun und für andere zu übernehmen. Sie erwerben dabei nicht nur Wissen über neue Dinge und Geschehnisse, sondern auch bedeutende soziale Kompetenzen. Die Kinder bringen ihre Ideen ein, welche Schritte als nächste gemacht werden sollen. Dabei kann nicht jede Idee berücksichtigt werden, z.B. gibt es für Hüpfschritte zwei unterschiedliche Vorschläge, wie diese aussehen könnten. Spass am Spiel zu haben, obwohl es nicht die eigene Idee war, ist nicht so einfach. So lernen die Kinder, in der Gemeinschaft zu kooperieren, andere Perspektiven einzunehmen, eigene Ideen zu äussern und die Ideen der anderen umzusetzen. In der Gruppe üben die Kinder, sich einzuordnen und zurückzunehmen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehung und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.).

Teilhaben und mitwirken

Partizipation, also die Beteiligung oder Mitbestimmung, fängt bei Kleinigkeiten an. Die Erzieherin fragt die Kinder, welche Art von Schritten als nächstes gemacht werden soll. Sie spricht alle Kinder an und jedes darf sich einbringen. Schnell kommen viele Ideen der Kinder, denn sie kennen das Tanzlied gut und können sich vorstellen, was möglich ist. Die Kinder äussern ihre Vorschläge mal mit Sagen (z.B. „Hüpfschritte“), mal mit Vorzeigen (z.B. durch den Raum rennen als Idee für „Rennschritte“). So können sich alle Kinder auf ihre individuelle Art und Weise mitteilen und werden von der Erzieherin gehört. Die Erzieherin nimmt die Ideen der Kinder ernst. Diesmal sind die Kleinen die Expertinnen und Experten, welche der Erzieherin zeigen, wie es geht. Das stärkt das Selbstvertrauen der Kinder. Zugehörigkeit und Partizipation eröffnen zudem vielfältige Lernerfahrungen. Sie sind Grundstein eines demokratischen Miteinanders.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Anregungsreiche Lernumgebung

Die Aufgabe der Erwachsenen besteht darin, den Kindern eine anregungsreiche Lernumgebung zu schaffen, in der sie neue Erfahrungen sowohl mit anderen Kindern und Erwachsenen wie auch mit Dingen sammeln können. Die Erzieherin hat hier für die Kinder das gemeinsame Singen und Tanzen initiiert. Dies ermöglicht es, vielseitige Erfahrungen mit Bewegung und Musik – für sich allein und gemeinsam mit der Gruppe – zu sammeln. Dabei gelingt der Erzieherin eine gute Balance zwischen ihrer Anregung und der Eigeninitiative der Kinder. So ist sie mit den Kindern bewusst in den Bewegungsraum gegangen. Sie hat damit das Bedürfnis der Kinder nach Bewegung aufgenommen sowie ihnen einen Erfahrungsraum eröffnet. In diesem Rahmen nimmt sie die Ideen der Kinder auf und lässt Spielraum für deren Kreativität.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Socken

So kommt die Socke an den Fuss: Zeit, Gelegenheit und Geduld – das brauchen Kinder, um Aufgaben selber zu meistern.
Mara / 3 Jahre 2 Monate

Erfahrungslernen im Alltag des Kindes

Mara kommt gerade von ihrem Mittagsschlaf und möchte nun wieder ihre Socken anziehen. Es ist eine alltägliche Aufgabe, die sie – mit mehr oder mit weniger Unterstützung – schon viele Male gemacht hat. Auch wenn es nicht so schnell geht wie bei den Erwachsenen, so ist Mara dennoch schon sehr geübt und braucht nun gar keine Hilfe mehr. Trotz des Trubels um sie herum widmet sie sich konzentriert und sorgfältig der Verfolgung ihres Ziels. Sie hat eine genaue Vorstellung davon, wie die Socke an ihrem Fuss sitzen muss, und weiss auch, wie sie dies erreicht. Auf jedes Detail achtet sie, beispielsweise, dass der Rand der Socke ganz oben richtig sitzt. Das dauert zwar eine Weile, doch die Erzieherin sitzt geduldig vor ihr und gibt Mara so viel Zeit, wie sie braucht. Sie weiss, dass Mara mit jedem Mal sicherer wird und es besser klappt. Schon bei der zweiten Socke kann man auch heute wieder einen Fortschritt erkennen: Mara braucht nicht mehr ihre volle Aufmerksamkeit fürs Anziehen. Sie kann nun nebenbei auch noch mitreden, wer im Wald war. Kleine Kinder lernen durch Handlungen und Erfahrungen. Mara lernt, wie sie sich ihre Socken anziehen kann, indem sie es eigenständig tut und die Möglichkeit erhält, es bei jeder Gelegenheit selbst auszuprobieren. Durch Wiederholungen kann Mara ihre Fähigkeiten verfestigen und weiterentwickeln.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.).

Selbständig Aufgaben meistern

Sich selbst die Socken anzuziehen, muss erst gelernt werden. Mara bekommt hier die Möglichkeit, diese anspruchsvolle Aufgabe selbst zu meistern. Die Erzieherin ist in der Nähe. Sie könnte helfen, falls Mara Unterstützung benötigte. Doch Mara schafft es schon sehr gut alleine. Solche alltäglichen und doch herausfordernden Aufgaben sind für kleine Kinder wichtige Lerngelegenheiten. Wenn Kinder diese Aufgaben selbst meistern, dann erleben sie, dass sie etwas bewirkt und erreicht haben. Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit ist zentral für den allmählichen Aufbau eines positiven und zugleich realistischen Selbstkonzepts. So können Kinder zuversichtlich und selbstbewusst an neue Aufgaben herangehen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.).

Tiere

Zeig mir, wie es geht, dann kann ich es selber ausprobieren!
Mia / 1 Jahr 8 Monate Benji / 6 Jahre 8 Monate

Passende Unterstützung und Begleitung

Die Grossmutter macht mit Benji und Mia einen Spaziergang zum Bauernhof. Dort besuchen sie die Ziegen und die Esel, die sie gerne füttern möchten. Der Ausflug bietet eine ideale Gelegenheit für die Kinder, um zu erfahren, was die Tiere gerne fressen, wie man das Futter besorgt und wie man die Tiere füttern kann. Um dies zu lernen, ist es für Benji und Mia am besten, wenn sie es selbst ausprobieren und somit ihre eigenen Erfahrungen sammeln können. Denn Kinder können nicht von aussen „gebildet“ werden, sondern sie sind aktive Gestalter ihrer eigenen Bildungsprozesse. Durch Beobachten, Nachahmen, Ausprobieren, Fragen, sich Austauschen, Wiederholen eignen sich kleine Kinder ihr Wissen über die Welt an. Dazu brauchen sie jedoch aufmerksame und verlässliche Erwachsene, die sie in ihrem individuellen Lernen begleiten und unterstützen. So beantwortet die Grossmutter einerseits Benjis Frage, was ein Tier fressen dürfe. Andererseits lässt sie die beiden Kinder selbst Erfahrungen sammeln. Selbständig pflücken diese das Gras und reichen es den Tieren. Bei der kleinen Mia ist die Grossmutter zu Beginn noch etwas vorsichtig. Sie führt ihre Enkelin an der Hand und begleitet sie beim Gras Holen. Das Verhalten der Grossmutter dient Mia als Vorbild. Mia kann genau beobachten, wie das Gras aus Grossmutters Hand ins Maul des Tieres gelangt. Das Beobachten und Nachahmen ist eine wichtige Lernstrategie von Kleinkindern. Durch die Wiederholungen wird Mia zunehmend sicherer und selbständiger.

Begeistert läuft Mia immer wieder zur Futterquelle und holt neues Gras für die Tiere. Aufmerksam beobachtet sie, wie die Tiere das Gras aus ihrer Hand fressen. So erweitert Mia ihr Wissen über Esel und Ziegen anhand der konkreten Situation. Wichtig ist dabei, dass Mias Lernerfahrungen einen Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit haben, also zu dem, was das Mädchen direkt im Alltag erlebt und was es beschäftigt.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.).

Sprachliche Begleitung

Die Grossmutter spricht viel mit den Kindern. Auch wenn Mia noch nicht mit Worten antworten kann, weiss die Grossmutter, dass ihre Enkelin sie gut versteht. Informativ sind dabei nicht nur die Worte, sondern auch der Tonfall und die begleitende Mimik. Für Kinder ist es wichtig, dass die Erwachsenen von Beginn an mit ihnen sprechen und auch ihren inneren Monolog in Worte fassen. Nur so ist es für Kinder möglich, nicht allein die Sprache, sondern auch das Schmieden und Umsetzen von kleinen und grossen Plänen zu lernen.

Mia verwendet selber noch wenige Worte. Doch sie hat schon andere Bestandteile von Sprache gelernt. Sie weiss z.B., dass sich die Sprachmelodie einer Aussage anders anhört als bei einer Frage. Das kleine Wort „da“ nutzt sie, um sich auszudrücken, in ebendiesen verschiedenen Variationen. Ihre Begeisterung drückt sie mit einem Lachen aus, genauso, wie es auch die Grossmutter tut. Mithilfe dieser unterschiedlichen Ausdrucksformen kann sich Mia mit der Grossmutter und ihrem Bruder verständigen. Ihre Sprache erweitert sie durch das intensive Kommunizieren mit anderen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Anregungsreiche Lernumgebung

Kinder haben das Bedürfnis nach Anregung. Diese erhalten sie von Erwachsenen und von anderen Kindern, aber auch von andern Lebewesen, von Materialien und Räumen, welche sie umgeben. Mit Räumen sind dabei nicht nur Innenräume, sondern auch Aussenräume und die Verbindungen dazwischen gemeint. Viele Orte im Nah-Umfeld können Kindern wertvolle Lerngelegenheiten bieten, wo sie auf Entdeckungsreise gehen können. Der Supermarkt, die Post, die Fahrt mit dem Bus, der Spielplatz, der Park oder der Wald können für Kinder genauso interessant sein wie der Bauernhof mit den Tieren. Gute Lernorte bieten vielfältige Gelegenheiten, welche die Kinder und deren Neugier herausfordern, sie aber weder intellektuell noch emotional überfordern.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebung gestalten (S. 52 ff.).

Treppe

Kinder brauchen Sicherheit und dosierte Zumutungen. Sie brauchen Wurzeln und Flügel. So lässt sich mit der Zeit vieles selbständig meistern.
Enzo / 1 Jahr 2 Monate Pia / 1 Jahr 1 Monat

Passende Unterstützung und Begleitung

Die Kita-Gruppe möchte in den Bewegungsraum gehen, welcher sich im Keller der Einrichtung befindet. Dafür müssen alle eine lange Treppe hinuntersteigen. Statt Enzo zu tragen, lässt die Erzieherin ihn diesen Weg selbständig bewältigen. Gekonnt krabbelt Enzo die Treppe auf allen Vieren hinunter. Mit dem Kopf nach oben, den Füssen nach unten und den Blick auf die Treppenstufen gerichtet, ist es die perfekte Technik für Enzo, um dieses Hindernis zu überwinden. Die Erzieherin ist ganz nah bei ihm. Sie gibt ihm einerseits Freiraum, um ungestört die Stufen hinabzusteigen, andererseits ist sie ihm immer eine Stufe voraus, um ihm, falls nötig, Halt zu geben. Sie bietet Enzo sowohl Sicherheit als auch Autonomie, genau in dem Mass, wie es für Enzo und die Situation passend ist. Eine anregende Lerngelegenheit ist das Hinunterklettern für Enzo sowieso.

Enzo kann die grosse Treppe selbst bewältigen, ohne Angst haben zu müssen. Er weiss, dass die vertraute Erzieherin bei ihm ist und dafür sorgt, dass ihm nichts passiert.

Die letzten drei Stufen schafft Enzo auch mit etwas mehr Abstand zur Erzieherin. Diese kennt Enzo gut und weiss, was sie ihm zutrauen kann und was noch nicht. Dennoch bleibt sie in der Nähe, beobachtet ihn genau und ist jederzeit bereit, Enzo zu unterstützen, falls er Hilfe braucht.

Und so schafft es Enzo schliesslich ans Ziel. Das hat länger gedauert, als wenn die Erzieherin ihn die Treppe runtergetragen hätte. Es hat genau so viel Zeit benötigt, wie Enzo für die selbständige Bewältigung dieser Aufgabe brauchte. Frühkindliche Lernprozesse von Kleinkindern zu ermöglichen und adäquat zu begleiten, erfordert daher oft eine „Entschleunigung“ des Alltags. Kinder lernen in ihrem je eigenen Rhythmus. Mit Kindern mitzugehen, heisst letztlich auch, sich Zeit zu nehmen, die Eigenaktivität, Impulse und Ideen von Kindern entfalten zu lassen. So werden kleine wie grosse Fortschritte ermöglicht und die zunehmende Selbständigkeit des Kindes gestärkt.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 1: Physisches und psychisches Wohlbefinden: Ein Kind, das sich wohl fühlt, kann neugierig und aktiv sein (S. 35 ff.).

Respektvolle Botschaften, Ermutigungen und Anteilnahme

Was für die Erwachsenen nur eine einfache Treppe ist, ist für ein kleines Kind eine grosse Herausforderung. Enzo krabbelt die ganze Treppe von ganz oben nach ganz unten. Das fordert von ihm nicht nur grobmotorisches Geschick, sondern auch viel Gleichgewichtssinn und Durchhaltevermögen. Doch er erhält von der Erzieherin ermutigenden Zuspruch: „Haben wir es bald geschafft? Noch ein bisschen. Komm!“ Dies motiviert Enzo, weiterzumachen. Mit dem Wort „Super“ lobt die Erzieherin seine bisherige Leistung und spornt ihn an.

Kleine Kinder orientieren sich sehr stark an den Äusserungen und am Verhalten von für sie bedeutungsvollen Bezugspersonen. Deshalb wirken die wertschätzenden Äusserungen der Erzieherin stark auf Enzo. An diesem Beispiel ist dies deutlich daran erkennbar, wie Enzo immer wieder innehält und bei der Erzieherin eine Rückversicherung für sein Verhalten sucht. An ihrer Reaktion erkennt er, ob er es richtig macht und ob er nach jeder geschafften Etappe weiter fortfahren soll. Es ist daher wichtig, dass Bezugspersonen sensibel und unmittelbar auf das Verhalten des Kindes reagieren und mit ihm kommunizieren – mit nonverbalen Signalen (wie z.B. anerkennenden Blicken, einer entgegengestreckten Hand oder einem Lächeln) sowie mit Worten.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.).

Velo

Konflikte sind ausgezeichnete Lerngelegenheiten. Wenn Erwachsene gemeinsam mit Kindern nach Lösungen suchen, vermitteln sie viel: sich ausdrücken und zuhören, verhandeln vor handeln, Kompromisse finden und nicht zuletzt auch Demokratie.
Malou / 3 Jahre 3 Monate Annina / 3 Jahre 5 Monate Hannah / 3 Jahre 4 Monate Kindergruppe / zwischen 3 Jahren 5 Monaten und 4 Jahren 1 Monat

Gemeinsames Lösen von Konflikten

Das Zusammensein mit anderen Menschen beinhaltet immer auch Konfliktpotenzial. Die Meinungen, Wünsche und Empfindungen gehen auseinander und das Finden einer für alle tragbaren Lösung ist nicht immer einfach. Dies erleben Kinder ebenso wie Erwachsene. Manchmal fällt es schwer, die eigenen Interessen zurückzustellen und sich in die Sichtweise und Bedürfnisse anderer hineinzuversetzen. Einfühlungsvermögen, empathisches Verhalten, Rücksichtnahme, aber auch Durchsetzungsvermögen: Dies alles sind wichtige Kompetenzen, die erst entdeckt und geübt werden müssen. Der Konflikt um das Velo bietet in dieser Hinsicht eine wertvolle Lerngelegenheit. Da ist zum einen der gleichzeitige Wunsch von Annina und Malou, mit genau diesem Velo zu fahren. Zum andern die Schwierigkeit, dass nur ein Kind aufs Mal damit fahren kann. Malou sucht Hilfe bei der Spielgruppenleiterin und diese nimmt sich Zeit, zusammen mit den Kindern einen Weg zu finden, der für alle stimmig ist. Mit gezielten Fragen führt sie durchs Gespräch: „Was wollen wir machen? Hat jemand eine Idee?“ Mit solch offenen Fragen regt sie die Kinder zum Nachdenken an und lädt sie ein, selbst nach Lösungsvorschlägen zu suchen, ihre Bedürfnisse zu äussern und diese in Worte zu fassen.

Schritt für Schritt nähert sich der Konflikt einer Lösung. Dabei üben sich nicht nur Malou und Annina im demokratischen Miteinander. Die ganze Kindergruppe, welche gebannt zuhört, erfährt etwas über das Suchen und Finden von Kompromissen. So lernen die Kinder immer besser, auftretende Probleme zu lösen, zusammen zu diskutieren und zu verhandeln, zu kooperieren, die eigene Sicht zu vertreten und andere Perspektiven einzunehmen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehungen und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.); Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Kinder ernst nehmen

Die Spielgruppenleiterin ist sich der Tücken und Chancen von Konfliktsituationen bewusst. Indem sie in die Hocke geht und sich dadurch auf Kinderhöhe begibt, signalisiert sie, dass sie das Anliegen von Malou ernst nimmt. Malou und die anderen Kinder spüren dieses echte Interesse an ihren Sichtweisen und fühlen sich frei, ihre Gedanken zu äussern. Eine grundlegende Voraussetzung, um zusammen in einen Dialog zu kommen. Durch Nachfragen versichert sich die Spielgruppenleiterin, ob sie die Kinder richtig verstanden hat („Das ist deine Idee?“), und gibt ihnen zu verstehen, dass alle Beiträge erwünscht sind. Dies ermöglicht es den Kindern, sich einzubringen und zur Lösungsfindung beizutragen. Während Malou sich mit Worten für ihr Anliegen einsetzt, äussert Annina ihren Wunsch verstärkt durch ihre Handlungen. So schüttelt sie beispielsweise den Kopf oder fährt ein Stück mit dem Velo davon. Jedes Kind hat seinen persönlichen Stil, sich auszudrücken, und gestaltet so das gemeinschaftliche Zusammenleben mit.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehungen und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.).

Gemeinschaftliches Lernen

Kontakte zwischen Kindern sind tendenziell ausgeglichener als Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen. Sie beinhalten spezifische Herausforderungen und Lerngelegenheiten. So üben Kinder, die sich vertraut sind und sich ausreichend sicher und unterstützt fühlen, unermüdlich soziales Verhalten. Die Kinder in der Spielgruppe treffen sich schon seit einer ganzen Weile an zwei Vormittagen pro Woche. Sie kennen sich und können einschätzen, wie ihr Gegenüber reagiert. Unerlässlich ist dabei, dass eine vertraute und verlässliche erwachsene Person in der Nähe ist, die die Kinder gut kennt und abschätzen kann, wann die Kinder selber miteinander zurechtkommen und wann sie aktive Unterstützung benötigen. Um den Konflikt um das Velo zu lösen, brauchen und suchen die Kinder die Hilfe der Spielgruppenleiterin. Diese hat das Geschehen aufmerksam beobachtet und ist zur Stelle, als ihre Unterstützung nötig wird. Statt eine fertige Lösung zu präsentieren, führt sie die Kinder mit Worten durch die Diskussion. Sie erstellt ein Gerüst, an dem sich die Kinder bei der Lösungssuche orientieren können. Solch vermittelnde Interventionen haben für Kinder auch Modellcharakter. Sie lernen an diesen Beispielen zunehmend, selber Spielregeln auszuhandeln. Schliesslich ist es Hannah, die mit ihrem Vorschlag die Situation klärt. Ein Vorschlag, der von allen Beteiligten akzeptiert und sogleich auch umgesetzt wird.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.); Pädagogisches Handeln: Bildungsprozesse anregen und Lernumgebungen gestalten (S. 52 ff.).

Wäsche

Dabei sein und Mittun ist alles. Kinder brauchen Bezugspersonen, die sie ins Alltagsgeschehen einbeziehen und Vorbilder sind.
Livia / 1 Jahr 6 Monate Mauro / 3 Jahre 9 Monate

Teilhaben und mitwirken

Heute ist Waschtag. Livia, Mauro und die Mutter erledigen diese Haushaltsaufgabe gemeinsam. Die Kinder machen gerne mit. Dank des kleinen Wäscheständers können sie tatkräftig mithelfen. Auch wenn Livia noch nicht so geübt darin ist, die Wäsche aufzuhängen, wird sie dennoch von ihrem Bruder und der Mutter ganz selbstverständlich einbezogen. Beide helfen dem Mädchen mit Vorzeigen, Tipps und Geduld, damit es selbst auch einen Beitrag zur gemeinsamen Tätigkeit leisten kann. Und Mauro hilft sowieso schon fleissig mit. Gewissenhaft erfüllt er seine Aufgabe. Die Kinder sind nicht nur eine Unterstützung für die Mutter, sondern bekommen beim Mithelfen auch das Gefühl, etwas für die gesamte Familie zu leisten. Für Kinder ist es wichtig, dass sie sich in der Gemeinschaft einbringen können und dies auch erwünscht ist. Dazu brauchen sie Erwachsene, welche die Beiträge und den Einfluss von Kindern als wertvoll erachten und schätzen. Die Mutter bedankt sich bei Livia für jedes Kleidungsstück, welches diese ihr reicht. Sie gibt ihrer Tochter damit zu verstehen, dass sie ihre Hilfe schätzt. Gemeinsame Tätigkeiten, wie etwa das Wäscheaufhängen, stärken die Beziehung zwischen den Familienmitgliedern.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Respektvolle Botschaften, Ermutigungen und Anteilnahme

Mauro ist stolz auf die von ihm geleistete Arbeit. Dafür möchte er aber auch die Anerkennung der Mutter: „Mami, willst du mal schauen, wie meines aussieht?“ Kinder orientieren sich in ihren Wahrnehmungen und Wertungen stark am Ausdruck und am Verhalten von für sie bedeutungsvollen Erwachsenen. Aus der Rückmeldung der Mutter erfährt Mauro, was er bewirken kann und wie andere auf ihn reagieren. Die Meinung der Mutter ist für ihn wichtig, um seine Leistung selbst einschätzen zu können.

„Super aufgehängt, ja“, antwortet die Mutter auf Mauros Frage. Mit dieser Aussage vermittelt sie ihrem Sohn Wertschätzung und bringt ihre Anteilnahme an Mauros Tun zum Ausdruck. Dies hilft Mauro beim allmählichen Aufbau eines positiven und zugleich realistischen Selbstkonzepts.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 4: Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst (S. 42 ff.).

Sprachliche Begleitung

Während des gemeinsamen Wäscheaufhängens sind Livia, Mauro und die Mutter miteinander im Gespräch. Die Kommunikation mit anderen Menschen spielt für Kinder eine bedeutsame Rolle. Durch den nonverbalen (z.B. Blickkontakt, Gesten, Gesichtsausdrücke), vorverbalen (z.B. Laute) und verbalen (Worte) Austausch mit anderen erwerben Kinder ein vielfältiges Bild von sich und der Welt. Deshalb ist es wichtig, dass Erwachsene von Beginn an mit den Kindern sprechen und ihre Handlungen verbalisieren. Alltägliche Aktivitäten, wie das Aufhängen von Wäsche, eignen sich bestens als Anlass für Kommunikation. Im Dialog mit den Kindern regt die Mutter deren sprachliche Weiterentwicklung an. Unermüdlich übt Livia, sich mit Worten und Lauten auszudrücken. Die Mutter antwortet auf ihre Äusserungen. Sie zeigt ihrer Tochter so, dass sie ihre Sprachversuche wertschätzt und ihre Botschaften versteht. Dadurch wird Livia in ihrem Bestreben, die Sprache zu lernen, ermutigt und gestärkt.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Gemeinschaftliches Lernen

„Schau, du musst es so!“, sagt Mauro zu Livia und zeigt ihr, wie man die Kleider über die Leine hängen muss. Dabei ist er besonders gründlich, um für Livia ein gutes Vorbild zu sein. Er nimmt aber auch die Rolle des Belehrenden ein und kommentiert mit kraftvoller Stimme, dass Livia die frisch gewaschenen Sachen wieder auf den Boden geworfen habe.

Die Mutter zeigt Livia ebenfalls einen Trick beim Aufhängen: Schütteln kann man die Kleidung. Livia nimmt diesen Hinweis gerne an und probiert es gleich aus. Oder Livia könnte der Mutter die Sachen reichen. Auch diese Idee nimmt Livia sofort auf und reicht der Mutter ein Kleidungsstück nach dem anderen.

Livia kann durch das Zusammensein mit der Mutter und dem Bruder viel profitieren. Sie hat gleich zwei Vorbilder, von denen sie viel lernen kann. Und Mauro erfüllt seine Rolle als grosser Bruder selbstbewusst. Indem er Livia unterstützt und ihr wertvolle Tipps gibt, lernt er selbst, sein eigenes Wissen zu sortieren und weiterzugeben sowie Verantwortung für seine jüngere Schwester zu übernehmen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehung und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.).

Wäsche­klammern

Augen auf für kleine Dinge, immer und immer wieder! Kinder entdecken die Welt mit all ihren Sinnen. Wenn Erwachsene ihnen das ermöglichen, eröffnen sich unzählige Lerngelegenheiten.
Melina / 9 Monate

Ganzheitliches Lernen

Melina hat den Korb voller Wäscheklammern entdeckt und krabbelt zielstrebig und neugierig darauf zu. Für Melina ist noch vieles neu und jede Kleinigkeit muss intensiv erkundet werden. Kleine Kinder werden mit einem Lerntrieb geboren. Ihr Wissensdurst und ihre Neugierde motivieren sie, auch erhebliche Anstrengungen auf sich zu nehmen, um die Welt um sie herum zu entdecken. Melina erforscht die Wäscheklammern mit all ihren Sinnen. Mit ihren Händen greift sie nach der Schnur, an der einzelne Klammern befestigt sind, und wirft sie dann fort. Sie greift in den Korb, nimmt einzelne Klammern in ihre Hände und lässt sie wieder fallen. Dabei hört sie die Geräusche, die die Klammern machen, wenn sie auf den Boden oder zurück in den Korb fallen oder wenn sie selbst mit ihren Händen in den Wäscheklammern wühlt. Sie beobachtet, wie sich die Mutter eine Handvoll Kammern nimmt. Sie spürt die schwarze Klammer mal in der einen, mal in der anderen Hand. Indem Melina sich die Klammer in den Mund steckt, spürt sie den Gegenstand mit ihren Lippen und schmeckt ihn mit ihrer Zunge. Durch das Zubeissen testet sie die Festigkeit des Materials. Anhand dieser Erkundungen eignet sich Melina mehr und mehr Wissen über die Dinge, die sie umgeben, an. Solche Momente der ungestörten und interessegeleiteten Exploration (Erforschen, Untersuchen) sind für die kindlichen Entwicklungs- und Lernprozesse sehr wertvoll. Die Mutter lässt Melina in aller Ruhe ihrer Forschungstätigkeit nachgehen. Sie ist aufmerksam in ihrer Nähe, steht im Blickkontakt mit Melina, reagiert auf ihre Signale. Die Mutter greift nicht ein. Einzig als Melina den kleinen Knopf entdeckt, der für sie gefährlich werden könnte, entfernt sie diesen sofort. Und schon darf Melina wieder auf Erkundung gehen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.); Das Fundament: Lernen und Entwicklung (S. 26 ff.); Leitprinzip 6: Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen (S. 46 f.).

„Hundert Sprachen“ der Kinder

Kleine Kinder drücken ihre Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken auf unterschiedliche Arten aus. Melina nutzt ihre Stimme, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Mutter hört diese Äusserungen ihrer Tochter und antwortet ihr mit ähnlichen Lauten und Blickkontakt. So gibt sie Melina zu verstehen: „Ja, ich bin da und habe dich gehört!“

Melina hat erkennbar Freude beim Erkunden der Wäscheklammern. Aufgeregt strampelt sie mit den Beinen, macht grosse Augen und gibt laute Töne von sich, welche sie immer wieder wiederholt. Auch ein kurzes Lächeln ist in ihrem Gesicht zu erkennen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 2: Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen (S. 37 ff.).

Physisches und psychisches Wohlbefinden

Kleine Kinder können dann neugierig und aktiv sein, wenn sie sich physisch und psychisch wohl fühlen. Durch die Anwesenheit der vertrauten und verlässlichen Mutter fühlt sich Melina auch in der Umgebung der Waschküche sicher. Das Gefühl der Sicherheit wird bestärkt durch den Austausch von Blicken und Lauten zwischen dem Mädchen und seiner Mutter. So kann Melina in diesem geschützten Rahmen in aller Ruhe die Wäscheklammern erforschen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 1: Physisches und psychisches Wohlbefinden: Ein Kind, das sich wohl fühlt, kann neugierig und aktiv sein (S. 35 ff.).

Weg

Auch beim gemeinsamen Interesse gibt es eigene Meinungen und unterschiedliche Gefühle. Das zu respektieren, lernen Kinder, wenn sie regelmässig zusammen sind.
Simon / 4 Jahre 5 Monate Selina / 2 Jahre 10 Monate Jill / 4 Jahre 4 Monate

Gemeinschaftliches Lernen

Simon, Selina und Jill sind ein eingespieltes Team. Bei der Tagesmutter verbringen sie viel Zeit zusammen. Aus ihrem vertrauten Umgang miteinander lässt sich schliessen, dass sich die drei schon länger kennen und mögen. Durch die Anwesenheit der Tagesmutter fühlen sie sich zudem ausreichend sicher und unterstützt, um sich aufeinander einzulassen und soziales Verhalten zu erproben. Dabei erfahren sie viel Wichtiges über sich und andere. Simon beispielsweise traut sich nicht, die Schnecke zu berühren. Mutig überwindet er jedoch seine Angst und erfährt dadurch, wie sich eine Nacktschnecke anfühlt: klebrig nämlich. Dies teilt er auch Selina und Jill mit, welche die Schnecke lieber nicht anfassen möchten. So lernen die drei, sich ihrer unterschiedlichen Gefühle bewusst zu werden, diese zu äussern und jene der andern zu respektieren.

Die Kontakte zu anderen Kindern sind tendenziell ausgeglichener als zwischen Kindern und Erwachsenen. Dies bietet für die individuelle und für die soziale Entwicklung einzigartige Herausforderungen und bereichernde Erfahrungen. So verfügen Simon, Selina und Jill über ein ähnliches Vorwissen über Schnecken. Neue Erkenntnisse werden auf dieser Grundlage ausgetauscht (die Schnecke ist klebrig). Auch die Diskussion darüber, wer es wagt, die Schnecke zu berühren, wäre mit einer erwachsenen Person wohl anders verlaufen.

Jede Schnecke am Wegrand weckt die Aufmerksamkeit der drei Kinder und alle beteiligen sich an der Suche nach weiteren Kriechtieren. Ist eines der Kinder fündig geworden, teilt es dies den andern freudig mit. Das gibt ein Gefühl von Zugehörigkeit und ermöglicht Partizipation. Beides sind wichtige Voraussetzungen, um zu lernen, andere Blickwinkel einzunehmen und Verantwortungsgefühl zu entwickeln.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Beziehungen und gemeinschaftliches Lernen (S. 28 ff.); Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Forschen und Entdecken

Schon oft haben die drei Kinder erlebt, dass bei Sonnenschein kaum Schnecken zu sehen sind, es bei Regenwetter hingegen von diesen Tieren wimmelt. Auch sind sie schon unterschiedlichen Schneckenarten begegnet: Nacktschnecken sowie Gehäuseschnecken, dabei z.B. auch den grossen Weinbergschnecken. Diese kriechenden Tierchen haben ihr Interesse geweckt. Auf jedem Spaziergang erfahren sie mehr darüber: Jill hat festgestellt, dass Simon eine besonders lange Schnecke gefunden hat. Und Simon hat gemerkt, dass sich diese klebrig anfühlt. Bildungsprozesse junger Kinder sind immer an konkrete, alltägliche Situationen gebunden. Sie sind eingebettet in Alltagserfahrungen und in die unmittelbare Lebenswelt des Kindes. Die Tagesmutter kann die inneren Lernprozesse der Kinder nicht direkt beeinflussen. Kinder lernen nicht, weil sie lernen müssen, sondern aus Neugier und Interesse. Die Erwachsenen können sie aber dabei sehr wohl unterstützen und begleiten. Zum Beispiel, indem sie die Interessen und Aktivitäten der Kinder genau beobachten und ihnen eine anregungsreiche Lernumgebung zum selbständigen Erkunden zur Verfügung stellen. So ermöglicht es die Tagesmutter Simon, Selina und Jill, auch bei Regenwetter draussen zu sein, und sie lässt ihnen genügend Zeit, auf dem Weg stehen zu bleiben und die Umgebung zu erforschen. Nur so können die Kinder überhaupt ein Interesse – wie hier zum Beispiel an Schnecken – entwickeln und ihr Wissen darüber vertiefen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.).

Znüni

«Tischlein deck dich!» als tägliches Ritual und als Lerngelegenheit: Alle helfen mit. Alle haben eine Aufgabe. Wenn Kinder einen Beitrag zum Alltagsgeschehen leisten können, fühlen sie sich zugehörig und lernen, Verantwortung zu übernehmen.
Kindergruppe / zwischen 3 Jahren 3 Monaten und 3 Jahren 10 Monaten

Teilhaben und mitwirken

Es ist Znünizeit und der Tisch muss vorbereitet werden. Ein Kind nach dem anderen kommt hinzu, um dabei mitzuhelfen. Während die Spielgruppenleiterin die Spülmaschine ausräumt, tragen die Kinder Geschirr und Essen von der Küche zum Esstisch. Jeder und jede übernimmt eine Aufgabe und die Spielgruppenleiterin traut den Kindern einiges zu.

Durch das Mithelfen dürfen, können die Kinder in vielerlei Hinsicht profitieren. Indem sie etwas gemeinsam für die Gemeinschaft tun, lernen sie, Verantwortung zu übernehmen und als Team zu arbeiten. Sie erleben, dass sie Teil einer Gruppe sind. Indem sie mitmachen und wissen, was zu tun ist – genau wie die anderen –, fühlen sie sich zugehörig. Diese Gefühle der Zugehörigkeit und Vertrautheit helfen den Kindern, sich mit andern wohl zu fühlen.

Wie stolz die Kinder über ihr vollbrachtes Werk sind, zeigt sich in der Frage von Hannah: „Wer hat den Tisch so schön gedeckt?“ Alle haben etwas zu dem gelungenen Ganzen beigetragen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Leitprinzip 3: Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen (S. 40 f.).

Erfahrungslernen im Alltag des Kindes

Die Kinder decken den Tisch nicht zum ersten Mal. Diese Aufgabe gehört zu den täglich gleichen Abläufen in der Spielgruppe. Alle wissen, was auf den Tisch kommt und wo was hingestellt wird. Die Kinder fühlen sich kompetent. Diese immer wiederkehrenden Abläufe helfen, sich zu orientieren und die Übersicht über das Geschehen zu behalten.

Beim Tischdecken darf auch mal ein Glas zu Boden fallen. Das Geschirr ist robust und hält es aus. Fehler und Missgeschicke gehören zum Lernen dazu. Mit jeder Gelegenheit, bei der Kinder alltägliche Dinge selbst tun können, gelangen sie zunehmend zur Selbständigkeit. Dabei ist es wichtig, dass Bezugspersonen von Kleinkindern eine Haltung einnehmen, die auch Fehlern einen Platz im Lernprozess einräumt. Fehler sind als Chance zur Verbesserung zu erachten.

Den Kindern reicht es nicht, die Dinge einfach auf den Tisch zu stellen, sondern es gilt auch zu überlegen, wo was hingehört und wer alles beim Znüni anwesend sein wird. Eine gute Gelegenheit, sich im Mitdenken sowie im Planen und Umsetzen zu üben.

Die Bildungsprozesse von kleinen Kindern sind immer an konkrete, alltägliche Situationen gebunden. Wie man sorgsam mit Geschirr umgeht, wie man den Tisch deckt, sodass jede Person ein Gedeck hat, und wie man als Team zusammenarbeitet, lernen Kinder nicht alleine durch Erklärungen. Sie lernen anhand von konkreten Alltagserfahrungen.

Mehr dazu im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz: Das Fundament: Grundverständnis frühkindlicher Bildung (S. 24 f.).